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Veröffentlicht am 16.03.2018  Geschrieben von Interview: Benigna Daubenmerkl

Interview: „Eine gute Kita unterstützt jedes Kind, sich optimal zu entfalten“

Frühpädagogik-Expertin Dr. Christa Preissing ist überzeugt: Um die Qualität der Kitas zu verbessern, ist es entscheidend, an der Qualifikation der Fachkräfte zu arbeiten, alle Beteiligten einzubeziehen und die eigene Arbeit ständig zu reflektieren.
Meine Kita extra: Frau Dr. Preissing, was macht für Sie eine gute Kita aus?
Dr. Christa Preissing: Die Pädagogen, die dort arbeiten, haben ein auf das Kind ausgerichtetes, professionelles Selbstverständnis. Daneben ist die Öffnung der Kita nach außen wichtig, bei­spielsweise Kooperationen mit anderen sozialen Diensten und mit Lernorten außerhalb der Kita. Partizipation mit allen Beteiligten ist entscheidend. An erster Stelle stehen dabei die Beteiligungsrechte der Kinder, danach die der Eltern. Sie sollten an der Gestaltung des Kita-Alltags mitwirken können. Eine gute Kita reflektiert außerdem ständig ihre Arbeit. Träger, Verantwortliche und alle Mitarbeiter entwickeln sich weiter. Beim Deutschen Kita-Preis fassen wir diese Aspekte in vier Qualitätsdimensionen zusammen: Kindorientierung, Sozialraumorientierung, Partizipation und Kita als lernende Organisation.
 
Was verstehen Sie unter gelungener Kindorientierung?
Eine gute Kita unterstützt alle Kinder, gleich welcher Herkunft, dabei, ihre Potenziale optimal entfalten zu können. Man muss also versuchen, ungleiche Voraussetzungen der Kita-Kinder zu erkennen, um pädagogische Arbeit so zu gestalten, dass die Kinder ein stabiles und positives Selbstkonzept entwickeln. Neben der individualisierten Arbeit mit den Kindern spielt die Kindergemeinschaft eine wichtige Rolle, da sie viel voneinander und miteinander lernen. Nicht nur die Erwachsenen geben wichtige Impulse für die Bildungs- und Entwicklungsprozesse. Deshalb müssen die Kinder ein faires und respektvolles Miteinander entwickeln, damit sie sich wechselseitig Anregungen und Unterstützung geben können.
 
Sie sagten, dass die Partizipation der Kinder für die Qualität wichtig sei. Um welche Arten von Partizipation geht es Ihnen dabei besonders?
Kinderrechte sind häufig bereits in den Konzeptionen der Kitas verankert und es gibt Beschwerdemöglichkeiten für Kinder. Es muss sichergestellt werden, dass Beschwerden von Kindern auch Konsequenzen haben. Mit den Kindern werden dann Möglichkeiten erarbeitet, wie bestimmte Umstände abgestellt werden können. Beispielsweise, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Ziel ist, dass sich jedes Kind wohlfühlt und beteiligen kann.
 
Und wie sieht es mit der Beteiligung der Eltern aus?
Es ist ja gesetzlich geregelt, dass sie bei allen wesentlichen Entscheidungen beteiligt werden. Eltern sind so verschieden wie die Kinder selbst, oder sogar noch verschiedener. In diesem Falle geht es darum, möglichst alle Eltern bei Entscheidungen mit einzubeziehen und mit ihnen Wege zu finden, die ihre Erwartungen und Wünsche aufgreifen. Man kann zwar nicht den Wünschen aller Eltern nachgehen, aber es ist wichtig, aktiv in den Dialog mit ihnen zu treten und die grundlegenden Werte der Kita zu verdeutlichen.
 
Wie können sich Kitas weiterentwickeln?
Gut ist eine thematische Reflexion im Team, nach Möglichkeit immer wieder unterstützt durch Fachberater oder Fortbildungsreferenten von außen, die neue Inputs geben und helfen, blinde Flecken aufzudecken. Berlin hat als einziges Bundesland vor acht Jahren externe Evaluationen verbindlich für alle Kitas eingeführt.
 
Das heißt, alle Kitas dort müssen sich einer Bewertung von außen stellen?
Ja. Alle Kitas in Berlin sind mindestens einmal evaluiert, häufig schon zweimal. Am Anfang gab es erhebliche Bedenken. Mittlerweile nehmen die Kitas die fachliche Unterstützung dankbar an und nutzen die externen Evaluationen, um sich selbst zu verbessern. Die externen Evaluatoren stellen dabei zunächst die Stärken einer Kita heraus und würdigen ihre Arbeit. Wenn sie Entwicklungsbedarf sehen, geben sie konkrete Empfehlungen, wie die pädagogische Arbeit schrittweise weiterentwickelt werden kann.
 
Für die Qualität der Betreuung der Kita-Kinder ist das Personal einer der entscheidendsten Qualitätsfaktoren. Worauf kommt es in der Qualifikation der Fachkräfte aus Ihrer Sicht an?
Für mich ist die Erstqualifikation nicht so entscheidend. Die Praxis hat ge­zeigt, dass eine berufsbegleitende, intensive Weiterbildung viel wichtiger ist. Denn viele Fragen stellen sich erst im Beruf. Die Erstausbildung kann Theorie vermitteln und Wissen zur Verfügung stellen. Nicht aber die Handlungskompetenz, die die Fachkräfte brauchen, um täglich in komplexen Situationen schnell zu handeln. Sie müssen sozusagen „verstoffwechselt“ haben, was die jeweils angemessene Reaktion ist.
 
Kita-Leitungen klagen oft über viel zu wenig Zeit für ihre Führungsaufgaben. Zu Recht?
Die Aufgaben im Bereich Elternkommunikation sind in den vergangenen Jahren extrem gewachsen, weil die Eltern heute wesentlich mehr Beratungsbedarf haben. Das hat damit zu tun, dass immer mehr Kinder in Armut aufwachsen, aus unterschiedlichen Kulturen kommen oder Fluchterfahrung haben. Auch die fachliche Anleitung der Teams bei der Qualitätsentwicklung, wie die Weitergabe von aktuellen Forschungsergebnissen, braucht Zeit. Gleichzeitig fallen immer mehr bürokratische Aufgaben an. Im Bereich Forschung sind die Leitungen zusätzlich durch Befragungen gefordert, die den Wissenstransfer zwischen Praxis und Forschung gewährleisten sollen. Daher brauchen alle Kitas ein bestimmtes Zeitkontingent für Leitungsaufgaben. In Berlin haben wir jetzt eine Regelung, dass für eine Kita mit 80 Kindern eine Stelle für Leitungsaufgaben vorgesehen ist.
 
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kitas?
Weltweite Studien belegen, dass Investitionen in die frühe Kindheit lohnend sind. Seit vielen Jahren gibt es die Empfehlung der OECD, die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, die besagt, dass man mindestens ein Prozent vom Bruttosozialprodukt eines Landes in die frühe Kindheit investieren sollte. Da sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Gleichzeitig sollten wir Kinder nicht als bloße „Investitionsobjekte“ sehen, sondern ihnen ein Recht auf Kindheit zubilligen. Wir nennen das auch eine gute Balance zwischen Gegenwarts-und Zukunftsorientierung.


Im Interview:
Dr. Christa Preissing ist Direktorin des Berliner Kita-Instituts für Qualitätsentwicklung und Präsidentin der Internationalen Akademie Berlin. Sie hat die Kriterien des Deutschen Kita-Preises mitentwickelt.


Foto: veryulissa/Shutterstock
 

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