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Veröffentlicht am 16.03.2018  Geschrieben von Ilka Weigand

Geschlechtsidentität: So bin ich!

Es ist Aufgabe von pädagogischen Fachkräften, die Kinder bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu unterstützen. Die Geschlechtsidentität spielt dabei eine wichtige Rolle.
Der Besuch einer Kita stellt für viele Kinder die erste Sozialisationsinstanz außerhalb der Familie dar. Jede familiale Lebensform, in die Kinder hineingeborenwerden, wirken sich auf die Identitätsentwicklung aus. Die soziale Zugehörigkeitzu der Gemeinschaft in der Kindertageseinrichtung gehört ebenso zur Entwicklung
der Ich-Identität wie die Merkmale, Alter, Statur, Hautfarbe, Haarstruktur, Geschlecht, sexuelle Entwicklung, Beeinträchtigung oder Behinderung. Die pädagogischen Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen verantworten die Stärkung der Ich-Identitäten der Kinder. Das bedarf sowohl des respektvollen Umgangs mit ihren Bezugspersonen als auch des fachlich reflektierten Umgangs mit den kindlichen Identitätsmerkmalen. Einen sicheren und geschützten Rahmen für die Entwicklung der Geschlechtsidentität bereitzustellen, ist dabei existenziell für das Wohlbefinden und die gesunde Entwicklung der Kinder. Das Merkmal Geschlecht reflektiert die Identitäts-Wahrnehmung durch die Gesellschaft. Das Empfinden von gesellschaftlicher Teilhabe wird hier begründet. Pädagogische Fachkräfte nehmen durch ihr eigenes Verhalten als Vorbild eine wirkungsvolle Position für die weitere Persönlichkeitsentwicklung der Krippen- und Kindertageseinrichtungskinderein. Einerseits wird ihr Verhalten beobachtet, bewertet und eventuell nachgeahmt und andererseits wird die Qualität der Entwicklungsbegleitung im Sinne von einem positiven Wohlempfinden deutlichen Einfluss hinterlassen. Keine Pädagogin und kein Pädagoge können sich dieser Auswirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder entziehen.
 
Entwicklung der Geschlechtsidentität
Bei der Anmeldung eines Kindes in der Krippe, bei Tagesmüttern oder Tagesvätern und auch in der Kindertageseinrichtung werden Daten zum Kind erhoben. So werden bereits sehr kleine Kinder, entsprechend der Angaben ihrer Geburtsurkunde, formal auf das Merkmal Junge oder Mädchen festgelegt und bei der Aufnahme in eine Bildungseinrichtung entsprechend ihres formalen Geschlechts „zugeordnet“ oder eingebunden. Was verstehen wir unter Geschlecht und wie entwickelt sich Geschlechtsidentität?
 
Das biologische Geschlecht wird in unserer Kultur morphologisch festgelegt, das heißt entsprechend der äußerlich sichtbaren Geschlechtsmerkmale wird nach der Geburt das Geschlecht männlich oder weiblich vergeben. Die Anerkennung eines dritten Geschlechts ist derzeit in der Vorbereitung. Weitere Möglichkeiten zur Festlegung der üblichen Kategorie Junge oder Mädchen könnten auch über eine Chromosomal- Bestimmung erfolgen. Ebenso wäre eine Festlegung des Geschlechts möglich, indem die Konzentration der Geschlechtshormone gemessen und als Grundlage angewandt wird. Das soziologische Geschlecht (kulturelles Geschlecht) wird durch die Identifikation mit Männern oder Frauen und des wahrnehmbaren Verhaltens der Gesellschaft an sich, beispielsweise durch beobachtetes Verhalten und Nachahmung hergestellt. Das Kind muss in Zusammenhang mit der Ausbildung des biologischen Geschlechts pädagogisch kognitive Entwicklungen vollziehen und eine Identifikation mit dem eigenen Geschlecht herstellen. Relevant ist im Zusammenhang mit Geschlechtsidentität die Art und Weise, wie sich bei Kindern die Identität von Geschlecht als eine Facette ihrer Persönlichkeit entwickelt.

Dazu beschreibt der Soziallwissenschaftler Klaus Hurrelman in seinem Buch „Einführung in die Kindheitsforschung“ den Bedarf des Vorhandenseins einer bestimmten Kompetenz: Kinder bringen demnach schon bei der Geburt elementare Fähigkeiten mit, um Impulse aus der sozialen und physikalischen
Umwelt aufzunehmen und zu verarbeiten. Sie müssten im Laufe der ersten Lebensjahre aber noch Strukturen und Programme für die Verarbeitung dieser Umweltimpulse erstellen, mit welchen sie den von außen und von innen kommenden Informationen Bedeutung und Sinn zuschreiben und sich in der Gemeinschaft anpassungsfähig machen.
 
Ein Prozess des Ausbalancierens
Das Kind ist im frühen Kindesalter bereits einem ständigen Prozess des Ausbalancierens ausgesetzt. Dabei ist die äußere Realität dem soziologischen Geschlecht, also Gender zuzuordnen. Die innere Realität spiegelt sich in den persönlichen Entwicklungsaufgaben. Kinder sind gefordert, Kompetenzen weiterzuentwickeln, die ihnen ermöglichen mit den Widersprüchlichkeiten umzugehen, denen sie dabei begegnen. Sie entwickeln Interpretationsmechanismen, die innere und äußere Impulse abgleichen und versuchen, ihnen einen Sinn zu geben. Hier ist der innere Entwicklungsprozess auf das Erlangen von Konstanz und Kontinuität angelegt. Die äußere Realität unterliegt in ihren Aussagen, Informationen und Botschaften jedoch einem Wechsel.
 
Ein Beispiel: Am Maltisch in einer Kindertageseinrichtung sitzen drei Kinder und malen ein Bild von ihrem Zuhause. Ein Kind, Jonas, malt eine Familie und erzählt: Das ist meine Mama Silvia, das ist meine Mama Petra und das ist mein Papa. Wir wohnen alle bei uns in der Sternstrasse. Meine Mama Silvia und mein Papa waren mal verliebt, aber Papa ist jetzt in Lena verliebt, die wohnt woanders. Meine Mama Petra und Silvia sind neu verliebt und haben sich geheiratet. Die Situation der Kinder gruppe am Maltisch spiegeltwider, dass die individuelle Wahrnehmung von Geschlecht innerhalb der jeweiligen familialen Lebensformen sehr
unterschiedlich sein können. So erkennen die Kinder, dass sie ihre Eindrücke immer wieder an die Informationen der äußeren Realität angleichen müssen. Ihre innere Realität, die darauf ausgerichtet ist, Konstanz als Grundlage für die eigene Geschlechtsidentität zu entwickeln – ich bin ein Junge und bekomme keine Babys, wie die Mama –, ist somit gefordert, eine Kompetenz zum Ausbalancieren der Spannungsverhältnisse zu entwickeln.


Über die Autorin:
Ilka Weigand ist Erzieherin, Diplom Sozialpädagogin (FH) und Master of Gender- und Diversitykompetenz. Im Jahr 2017 hat die Autorin ein Seminar-haus gegründet. Am Hexenstieg-Land und Seminarhaus im Harz, in dem unter anderem Seminare für pädagogische Fachkräfte angeboten werden.
 

Foto: Alexey Losevich/Shutterstock

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