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Veröffentlicht am 16.03.2018  Geschrieben von Danilo Ziemen

Mehr als Doktorspielchen: Sexualerziehung in der Kita

Wenn Kinder sich in Ecken zurückziehen und sich streicheln, können die pädagogischen Fachkräfte unsicher sein. Dabei gibt es keinen Grund dafür.
Die kleine Chiara legt sich immer wieder auf Tim und versucht ihn zu küssen. Die pädagogischen Fachkräfte wissen nicht, ob Tim noch Freude am Spiel hat. Jeppe und Jannek verschwinden zusammen auf der Toilette. Die Erzieherin hört sie kichern und leise tuscheln: „Schnell, die Tür zu!“. Morma und Lena gehen gemeinsam in die Kuschelecke. Dort ziehen sie sich aus, liegen nackt nebeneinander.
 
Diese Szenen aus unterschiedlichen Kitas sind nichts Ungewöhnliches. Meist fragen sich die Fachkräfte: Ist das normal? Was gehört zur sexuellen Entwicklung von Kindern? Ab wann werden Grenzen verletzt? Wann liegt ein sexueller Übergriff vor und muss eingeschritten werden?
 
Von der Geburt an durchläuft jeder Mensch eine psychosexuelle Entwicklung. Diese Entwicklung ist auf der einen Seite individuell und bei allen unterschiedlich. Auf der anderen Seite wird sie von gesellschaftlichen Normen und Werten beeinflusst. Neben dem Elternhaus leistet die Kita einen wichtigen Beitrag, wie diese Entwicklung verläuft.
 
Kindliche Sexualität – was ist das?
Kindliche Sexualität unterscheidet sich von der Sexualität von Erwachsenen. Kinder denken und fühlen noch nicht in den Kategorien, wie Erwachsene es tun. Auch wenn Kinder sich an den Genitalien berühren und stimulieren. Für Kinder können es angenehme Gefühle sein, die aber nicht unbedingt als sexuell empfunden werden. Durch die Erwachsenenbrille betrachtet, wird daraus schnell bedenkliches Verhalten.

Von Beginn an erleben Kinder die Welt mit allen Sinnen. Besonders im ersten Lebensjahr sind die Wahrnehmung über Mund und Haut sehr wichtig. Mit dem Mund saugt das Baby und sein Bedürfnis nach Nahrung wird gestillt. Es genießt Hautkontakt, bekommt so Halt und Vertrauen in sich und seine Umwelt. Der Drang zu entdecken und zu erforschen nimmt mit jedem Monat zu. Ab dem zweiten Lebensjahr werden mit Zunahme der motorischen Fähigkeiten immer mehr Regionen des Körpers entdeckt. Vulva, Penis und Po sind genauso spannend wie Ohren, Nase und Bauchnabel und werden angefasst, langgezogen und bezupft. Hier entscheidet meist die Scham der Erwachsenen, wie damit umgegangen wird. Denn Kinder sind sensibel für die Spiegelungen der Erwachsenen. Hier sind Botschaften über Sexualität enthalten und werden für die Zukunft abgespeichert.
 
Selbst- und Fremderkun­dung bei Kleinkindern
Sobald Kinder die Möglichkeit entdecken, sich Lust und angenehme Gefühle durch die Berührung der eigenen Genitalien zu verschaffen, wenden einige dies auch regelmäßig an. Die kindliche Selbststimulation ist ein weiterer Schritt zu mehr Autonomie des eigenen Körpers. Inwiefern diese beim Kleinkind zugelassen oder unterbunden wird, hängt besonders von der Haltung der begleitenden Erwachsenen ab. Für die kindliche Entwicklung ist sie normal. Untersuchungen von Bettina Schuhrke, Professorin für Psychologie an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, haben gezeigt, dass sich das Gefühl der Scham frühestens ab dem Alter von zwei bis drei Jahren, bei den meisten ab dem fünften Lebensjahr einstellt. Von daher kann es zum genussvollen Be­rühren der eigenen Genitalien bei der Vorlesestunde in der Kita kommen. Ob die pädagogische Fachkraft nun einschreitet, hängt von der eigenen Haltung und den Teamabsprachen ab. Wenn die Kinder dies vor anderen machen, ist es manchen Erziehern wichtig, darauf zu verweisen, dass dies auch in einem separaten Raum sein kann.

Mit zunehmendem Alter nehmen die Doktorspiele zu. Der eigenen Erkundung des Körpers schließt sich die Fremderkundung an. Wie sieht ein Junge nackt aus? Wie sieht ein Mädchen nackt aus? Das alles dient der Befriedigung der kindlichen Neugier. Im Spiel selbst
 werden Szenen von eigenen Erfahrungen von Arztbesuchen nachgespielt und neue fantasievoll hinzugedichtet. Um unnötigen Grenzverletzungen vorzubeugen, sollten mit den Kindern Regeln für Körpererkundungen abgesprochen werden: Wer nicht will, muss nicht mitspielen. Oder auch, dass keine Gegenstände in die Vagina oder den Po eingeführt werden.
 
Kindliche Sexualität ist geprägt durch ihre Spontanität und Unbefangenheit. Auf der Suche nach lustvollen Momenten wird vieles ausprobiert, was angenehm ist. Kinder gehen dabei nicht zielgerichtet wie Erwachsene vor. Meist entstehen die Äußerungen kindlicher Sexualität spontan aus dem Spiel heraus, weil es sich gut anfühlt. Das Handeln ist dabei ganz egoistisch auf den eigenen Lustgewinn ausgerichtet. Das Erwachsenenver­ständnis von Sexualität müssen Kinder erst noch lernen.
 
Sexualpädagogisches Konzept für die Kita
Die kindliche Sexualität ist keine alleinige Sache von Kindern. Diskutiert und bewertet wird sie von Erwachsenen. Für Erzieher lohnt sich eine Auseinandersetzung mit den eigenen Werten, Vorstellungen und Haltungen zu Sexualität. Was mache ich, wenn ich gefragt werde, wie das Baby in den Bauch gekommen ist? Aber auch Fragen zum Umgang mit Eltern aus verschiedenen Kulturen stellen sich vermehrt beim Thema Sexualerziehung.
 
Um diese Fragen anzugehen, ist die Aneignung von fundiertem Fachwissen zu kindlicher Sexualität notwendig. Wohl auch, weil die bisherige Ausbil­dung zu wenig auf das Thema eingeht. Ebenso ist es hilfreich, sich im Team darüber zu verständigen, welche Begriffe für die Geschlechtsteile ver­wendet werden oder wie mit Körpererkundungen unter Kindern umgegangen wird.
 
Für den professionellen Umgang nach außen und innen ist ein sexualpädagogisches Konzept eine wertvolle Unterstützung. Dieses ist von jeder Kita in einem gemeinsamen Prozess mit den Erziehern und der Leitung zu erstellen. Die meisten Einrichtungen holen sich hierfür externe Begleitung. Bei der Erstellung wird über vieles diskutiert und auch die Haltungen des Trägers reflektiert. Ein Konzept gibt Orientierung nach innen und Sicherheit gegenüber Anfragen von Dritten. Viele Kitas stellen ihre sexualpädagogischen Konzepte auch online. Das gemeinsame Klären von Fragen zum Thema der Sexualität mit Kindern hält so manche Überraschung bereit. Bei der Beschäftigung mit kindlicher Sexualität sind in den meisten Fällen zwei Herangehensweisen eine gute Voraussetzung: Neugierdeund Gelassenheit.


Über den Autor:
Danilo Ziemen hat Sexualwissenschaft (M.A.) in Merseburg studiert und arbeitet am Institut für Sexualpädagogik (isp) als Dozent. Er gibt Fort- und Weiterbildun­gen für Kitas www.isp-dortmund.de


Foto: alekso94/Shutterstock

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