Anmelden
Für KitaClubber › Mein Beruf
Veröffentlicht am 20.10.2017  Geschrieben von Tina Sprung

Die Kita als italienisches Dorf

Hohe Bildungsqualität zu einem erschwinglichen Preis. Das bietet die neue Münchner Kinderkrippe kiClub. Bei ihrem pädagogischen Konzept setzt sie auf Ko-Konstruktion – und die Erfahrung ihres Gründers.
Der kleine Samuel* wird gerade wach. „Er ist unser Dornröschen und schläft besonders viel“, erzählt Kita-Leiterin Ramona Egger lächelnd und schaut durch ein kleines Fenster in einen der vier Gruppenräume. Die anderen Kinder sind bereits am Spielen, als Samuel noch ein bisschen verschlafen auf seiner Matratze im Gruppenraum liegt. In der Krippe kiClub ist es jedem Kind selbst überlassen, wann es sich hinlegt, aufsteht oder spielt. Einer der Gründe, warum sich Egger im Mai entschlossen hat, im kiClub in München-Schwabing zu arbeiten. „In den Einrichtungen, in denen ich vorher war, gab es feste Regeln, wann die Kinder essen oder schlafen müssen. Alles streng nach Plan. Dadurch wurde nicht auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes eingegangen“, erzählt sie.

Im kiClub ist das anders – denn das pädagogische Konzept der Krippe setzt in allen Bereichen auf Ko-Konstruktion: „Dem Kind wird eine aktive Rolle zugestanden und es wird in seiner Individualität anerkannt“, heißt es in der Konzeption der Einrichtung. Um Bildungsprozesse optimal zu gestalten, setzt der Gründer Prof. Wassilios E. Fthenakis auf diesen didaktisch-methodischen Ansatz. Sein pädagogisches Konzept basiert auf seiner langjährigen Erfahrung als Psychologe, Familienforscher und Erziehungswissenschaftler. Fthenakis hat unter anderem den bayerischenund hessischen Bildungsplan verfasst. „Alle Akteure – Kinder, Erwachsene und Fachkräfte – konstruieren gemeinsam an der kindlichen Entwicklung und Bildung. Bildung ist ein sozialer Prozess. Und das Kind ist in diesem Prozess ein aktiver Ko-Konstrukteur“, erklärt er.

Der Raum als dritter Erzieher

Die Architektur des kiClubs unterstützt den ko-konstruktiven Ansatz und lehnt sich an die Reggio-Pädagogik an. Im Mittelpunkt ist die Piazza – darum sind vier kleine Häuser gebaut für jeweils 12 „Bewohner“, auf die sich die 48 Krippen-Kinder verteilen. Die Perspektiven der Kinder und Erwachsenen wurden funktional in die Häuser
integriert. Die vier Häuser sind auf zwei Seiten offen, sodass die Kinder jederzeit rausgehen und Angebote auf der Piazza wahrnehmen können. Im „Dorf-mittelpunkt“ können auch Elternabende gestaltet werden, die Kinder können hier spielen oder Theateraufführungen machen.

Der symmetrische Grundriss und die gegenüberliegenden offenen Räume begünstigen die gruppenübergreifende Kommunikation. „Wenn die Kinder älter werden, können sie gerne die anderen Gruppen besuchen und frei entscheiden, wo sie sich aufhalten“, erklärt Fthenakis. Diese Kombination des offenen und geschlossenen Konzeptes ermögliche den Kindern eine Identifizierung auf drei Ebenen – in der Gruppe, der Einrichtung und auf dem Platz.

Ko-Konstruktionin der Eingewöhnung

Auch der Eingewöhnung liegt im kiClub das Konzept der Ko-Konstruktion zugrunde. „Das Modell greift auf sozial-konstruktivistische Positionen zurück“, sagt Prof. Fthenakis, „Eltern, Kind und Fachkräfte sind von Anfang an aktiv am Eingewöhnungsprozess beteiligt.“ Vor Eintritt in die Krippe wird mit der Familie gesprochen, ob es Risikofaktoren in ihrem Leben gibt. Nach einer gemeinsamen Planungsphase heißt die Krippenleitung und die Bezugsfachkraft die Familie mit einem Lied willkommen. Danach frühstücken sie gemeinsam und sehen sich die Kita an. In der Phase der Eingewöhnung sind die Eltern in der Kita mit dabei und spielen zusammen mit der Fachkraft und dem Kind. „Es ist der Beginn einer aktiven, ko-konstruktiv organisierten Beziehungsgestaltung, für die Zeit benötigt wird und deren Entwicklung individuell variieren kann“, sagt Fthenakis. Die Familie kann immer so lange bleiben, wie sie will – auch, wenn das Kind bereits eingewöhnt ist.

Hohe Qualität für alle

Der kiClub arbeitet nicht gewinnorientiert, sondern deckt lediglich seine Kosten. Die Beiträge orientieren sich am Einkommen der Eltern. „Qualität muss nicht teuer sein, wichtig ist, dass alle gemeinsam daran arbeiten, sie zu sichern“, ist Fthenakis überzeugt. Er will in jeder größeren Stadt eine Kita eröffnen. Denn sein Ziel ist, dass jedes Kind eine Chance auf qualitativ hohe Bildung hat.


Eingewöhnung nach kiClub
  • Krippe wird als Erweiterung des Lebens- und Lernraums des Kindes angesehen.
  • Eingewöhnung als Ko-Konstruktions prozess: Alle Beteiligten gestalten aktiv mit.
  • Die Rolle der Fachkraft wird neu konzeptualisiert und das Verhältnis zur Familie auf Augenhöhe gestaltet.
  • Die Bildungspartnerschaft wird gestärkt und etabliert.
  • Das Kind wird aktiv eingebunden.


Foto: Sprung

Teilen auf
Teilen auf Facebook
6
0
Mehr zum Thema
Mit dem Inkrafttreten der UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung in der Bundesrepublik Deutschland stehen auch Krippen vor der Aufgabe, das gemeinsame Aufwachsen von Kindern mit und ohne Behinderung in der pädagogischen Praxis zu ermöglichen. Nicht mehr die Frage danach, ob ein entwicklungsgefährdetes Kind auf...
Montessori und ­Reggio ­Emilia sind ­weltweit ­angewandte Modelle für die Frühpädagogik. In ­Kitas in Hongkong ­zeigen die ­Konzepte ­allerdings wenig ­Erfolg. Ein ­Erklärungsversuch.