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Für die Praxis › Kita kreativ
Veröffentlicht am 18.10.2017  Geschrieben von Prof. Hilde von Balluseck und Silvia Schumacher

Wenn Kinder mit der Welt flirten

Hinter ästhetischer Bildung verbergen sich vielfältige Formen des Gestaltens, Fantasierens, Erlebens. Wie Fachkräfte die kindliche Kreativität fördern können, erklärt Expertin Annette Dreier.
Was verstehen Sie unter ästhetischer Bildung?

Unter ästhetischer Bildung verstehe ich die Wahrnehmung und das Verstehen der Welt über die Sinne. Diese Erkenntniswege sind im Kindesalter besonders deutlich, denn junge Kinder entdecken sich und ihre Umwelt mit all ihren Sinnen und Emotionen. Die Pädagogen in Reggio Emilia sagen dazu: „Kinder flirten mit der Welt“ und meinen damit, dass Kinder alle Sinne und Emotionen einsetzen, um sich ein Bild von sich selbst und der Welt zu machen. Je intensiver alle Sinne in diesen Flirt einbezogen sind, desto intensiver können die Kinder empfinden und denken lernen, Erfahrungen sammeln und Hypothesen über die Welt aufstellen – kurzum: sich bilden.

Was haben beispielsweise bildnerisches Gestalten, tänzerische Bewegung und fantasievolles Erzählen
gemeinsam?

Bei all diesen Prozessen verleihen die Kinder ihren Eindrücken neuen Ausdruck: Sie nutzen diese Aktivitäten, um Erlebtes und Gefühle in einer neuen Sprache auszudrücken. Insofern sind Tanzen, Collagieren oder Fantasieren Sprachen der Kinder.

Welche Bedeutung hat Kreativität für die Entwicklung des Kindes?

Sicher würden viele Pädagogen und Eltern zu dieser Frage sagen: „Oh ja, Kreativität ist sehr wichtig für die Entwicklung der Kinder!“. Im Alltag mit Kindern erlebe ich jedoch oft eine Reduktion von Kreativität auf ein bisschen Malen hier und ein bisschen Musikschule dort. Kreativität beinhaltet im Kern aber vor allem die Gestaltung von etwas Neuem und dazu gehört Eigensinn, Unangepasstheit und manchmal eben auch „unbequemes“ oder „störendes“ Verhalten von Kindern. Dies anzunehmen als Teil eines schöpferischen, kreativen Prozesses, ist keine leichte, aber eine wichtige Aufgabe für Erwachsene.
 

Über welche eigenen Erfahrungen sollten Fachkräfte verfügen, um die ästhetische Bildung von Kindern zu unterstützen?

Vor allem sollten sie Freude an eigenen sinnlich-ästhetischen Erfahrungen haben, sei es im Erleben von Kunst und Natur oder bei eigenen kreativen Tätigkeiten. Sie sollten sich auch an ihre eigenen ästhetischen Erlebnisse in der Kindheit erinnern – dies ist ein Refl exionsprozess, den wir oft in Seminaren initiieren. Die meisten Studierenden erinnern sich lebhaft an Gerüche, besondere Orte und Räume oder Gegenstände aus ihrer Kindheit, die sie sinnlich erfasst und genossen haben und die für sie bis in das Erwachsenenalter hinein präsent sind. Dass dies den Kindern, mit denen sie in den Kitas arbeiten, genauso geht, ist ein wichtiger Erfahrungsprozess, der auch mehr Wertschätzung für die ästhetische Bildung in der Kindheit bewirken kann.


Welche Kompetenzen sollten Fachkräfte sich aneignen, um diesen Prozess zu fördern?

Neben der Freude am eigenen kreativen Tun finde ich das Interesse und die Freude an den Aktivitäten der Kinder zentral. Die Aufmerksamkeit für die sinnlich-ästhetischen Aktivitäten der Kinder ist mir deshalb so wichtig, weil die Pädagogen dabei sehr viel über die Wahrnehmungen und Emotionen der einzelnen Kinder erfahren können und darüber hinaus durch diese gemeinsame Erfahrung auch die Bindung zwischen ihnen gestärkt wird. Neugierig zu sein auf das, was die Kinder tun, sie zu beobachten und ästhetische Erfahrungen mit ihnen zu tielen - ohne eine ständige ,,fördernde"Absicht zu verfolgen -, finde ich sehr wichtig im Kita-Alltag.
 

Fachkräften in der Kita begegnet heute ein hohes Maß an Heterogenität. Gibt es über ästhetische Bildung die Möglichkeit, mit Heterogenität produktiv umzugehen und die Inklusion in der Kita zu fördern?

Ich arbeite seit vielen Jahren mit dem KinderKünsteZentrum in Berlin zusammen, dort sind Kita-Kinder mit Künstlern und Pädagogen in Projekten aktiv und kreativ. Die Kinder-~gruppen, die dort hinkommen, sind immer sehr heterogen zusammengesetzt und das funktioniert wunderbar, da alle Kinder das tun, was sie möchten und wie sie es können. Zudem arbeitet das Team des KinderKünsteZentrums auch in Einrichtungen der Flüchtlingshilfe mit Kindern. Dort wird deutlich, dass kreatives Tun eine aktive Beteiligung aller Kinder ermöglicht und sogar erleichtert. Denn: Kreativ tätig sein zu können – mit oder ohne Worte –, ist für alle Kinder sehr attraktiv und manchmal auch heilsam.
 

Welche Bedingungen müssten in einer Kita gegeben sein, um die Kreativität der Kinder zur Entfaltung zu
bringen?

In vielen Kitas sehe ich Ateliers oder Kreativitätsecken und es freut mich, dass den Gestaltungsprozessen der Kinder Raum gegeben wird. Meist sind die Räume allerdings mit den vielen Funktionen überlastet, die sie im Alltag erfüllen müssen und es fehlt an Platz für kreatives Tun wie Tanz, Theaterspiel oder bildnerisches Gestalten – vor allem in einem größeren Format, als oftmals üblich. Hier zeigt sich die Kreativität vieler Pädagogen, die auch Außenräume nutzen oder das schon erwähnte KinderKünsteZentrum, das viel Platz für Kinder, Kunst und Künstler bietet.

Was darf in einem kreativen Bildungsraum nicht fehlen?

Kreativität ist nicht an einen einzigen Raum gebunden, deshalb kann es überall in der Kita Gelegenheiten für kreatives Ausprobieren und Gestalten geben. Flure, Bäder, Gruppenräume und Außengelände sind geeignet, die Sinne der Kinder und ihr kreatives Spiel mit der Wirklichkeit zu unterstützen, wenn es dort interessante Objekte und Phänomene zum Fragen, Forschen und Explorieren gibt. Grundsätzlich brauchen Kinder für die Entwicklung ihrer Kreativität viel Platz und vor allem Zeit. Etwas ausprobieren und Neues gestalten lässt sich nicht zwischen Spaziergang und Mittagessen einschieben.
 

Welche Rolle spielen dabei digitale Medien?

Inzwischen gibt es Studien, die belegen, dass ein früher Kontakt mit Smartphone und Tablet die emotionale und kognitive Entwicklung junger Kinder eher negativ beeinflusst. Kinder unter fünf Jahren brauchen in der Kita noch keine Smartphones oder Computer. Bei älteren Kindern wächst natürlich das Interesse an digitalen Medien und hier kann ein Einsatz bei Projekten hilfreich sei – wenn es für die Fragen der Kinder Sinn macht und sie diesen zusammen mit den pädagogischen Fachkräften nachgehen können.
 

Wie müssen digitale Medien eingesetzt werden, damit sie kreative Prozesse anstoßen?

Das Selbsttun ist sehr wichtig. Kinder sollen aktiv sein können und nicht nur passiv konsumieren. Sie können beispielsweise Filme oder Videos selbst produzieren und schneiden oder mit Kameras oder Tablets eigene Geschichten kreieren. Dazu braucht es Erwachsene, die zum einen diese Technik beherrschen und zudem Kindern einen sinnhaften Umgang mit digitalen Medien vorleben.

Erstveröffentlichung (in gekürzter Form) auf: www.fruehe-bildung.online


Zur Person
Annette Dreier ist Professorin für Bildung und Pädagogik im Kindesalter an der Fachhochschule Potsdam und leitete dort bis 2017 den Studiengang „Bildung und Erziehung in der Kindheit“. Ihre Themenschwerpunktesind Bildungsprozesse und ästhetische Bildung im Kindesalter.

Zum Weiterlesen:
Annette Dreier
Nichts ist im Verstande, was nicht zuvor in den Sinnen war – Zur Bedeutung der ästhetischen Bilding in der Kindheit
In: Hilde von Balluseck (Hrsg.)
Professionalisierung in der Frühpädagogik
Barbara Budrich, 2017


Foto: Romrodphoto/Shutterstock

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