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Für die Praxis › Gesundheit & Ernährung
Veröffentlicht am 27.09.2017  Geschrieben von Redaktion

Druck auf Impfmuffel steigt

Eltern von Kita-Kindern drohen empfindliche Strafen, wenn sie sich nicht über Impfungen beraten lassen.
Es ist erst drei Monate her, als eine dreifache Mutter an einer Masern-Infektion gestorben ist. Und dass, obwohl die Krankheit in Deutschland nahezu ausgerottet schien. Gesundheitsminister Hermann Gröhe warnt: „Die aktuellen Zahlen und die Masernausbrüche zeigen, dass wir immer noch zu große Impflücken haben.“ Auch
deswegen will die Bundesregierung gegen Impfmuffel vorgehen: Kitas müssen den Gesundheitsämtern Eltern melden, die nicht zur Impfberatung gehen. Es drohen Strafen von bis zu 2.500 Euro. Nun hat der Bundesrat dem Gesetz zugestimmt.

Für die Fachkräfte in den Kitas bedeutet dieses Gesetz vor allem eines: Mehrarbeit. Davon gehen Einrichtungen und Träger aus. Den Kita-Leitungen wird zudem mehr Verantwortung übertragen, als sie ohnehin schon haben. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das Vertrauen zwischen Kitas und Eltern erheblich gestört werden könnte. Auch Carolin Mayer, Erzieherin aus dem Landkreis Passau, befürchtet, dass die Zusammenarbeit mit den
Eltern darunter leiden kann. „Bei absoluten Impfmuffeln wird es Auseinandersetzungen geben.“

Bevor es so weit kommt, sollen die pädagogischen Fachkräfte mit den Eltern Gespräche suchen. Denn: Wann die Impfmuffel gemeldet werden sollen, steht nicht im Gesetz. Das Gesundheitsministerium empfiehlt, dass die pädagogischen Fachkräfte sie erst melden, wenn sie das Gefühl haben, dass die Gespräche mit den Eltern erfolglos sind. Nach der Meldung an das Gesundheitsamt ist dann für die Fachkräfte die gesetzliche Pflicht erfüllt. Wenn es einen Fall von Masern oder Windpocken in der Kita gibt, dürfen sie die Kinder, die nicht geimpft sind, nach Hause schicken. Dem neuen Impfgesetz können die Erzieherinnen und Erzieher auch etwas Positives abgewinnen. „Wenn Eltern bewusst ist, dass eine pädagogische Einrichtung Meldepflicht hat, verleitet es sie eher dazu, ihr Kind impfen zu lassen“, ist Mayer überzeugt.

 


Fachkräften kann man keine Kontrollfunktion zumuten

Das kindliche Wohlbefinden und die kindliche Gesundheit sind Aufgaben von höchster Priorität für den
Staat, für die Familie und nicht zuletzt für die Bildungsinstitutionen. Um diese zu sichern, sind gesetzliche
Vorschriften zu beachten. Einen speziellen, nicht immer einvernehmlichen Schwerpunkt stellen Impfungen dar,
die eine prophylaktische Funktion haben. In diesem Bereich vermischen sich wissenschaftliche und praktische
Erfahrungen mit Ideologien. Das kann zu Konflikten führen. Es ist die Aufgabe des Staates dafür zu sorgen,
dass durch das Verhalten von Einzelnen die Gesundheit anderer, vor allem von Kindern, nicht gefährdet
wird. Wie dies gesichert werden kann und welche Mechanismen dazu erforderlich sind, darüber gehen
die Meinungen auseinander. Die jüngste gesetzliche Regelung, die den Fachkräften der Kindertagesstätten
die Aufgabe zuschreibt, festzustellen, ob eine Impfung erfolgt ist oder nicht, gibt erneut Anlass über dieses
Thema nachzudenken. Denn die Kita hat in gleicher Weise eine vertrauensvolle Bildungspartnerschaft mit
der Familie zu etablieren. Zudem sind Fachkräfte der Frühpädagogik – wenn überhaupt – nur am Rande
am Gesundheitssystem beteiligt. Den Fachkräften der Kindertagesstätten die Kontrollfunktion zuzumuten und
gleichzeitig von ihnen zu erwarten, ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Eltern zu entwickeln, scheint widersprüchlich und unvereinbar zu sein. Man muss sich fragen, warum dies nicht dem betreuenden Kinderarzt
vorbehalten bleibt, der auch die zuständigen Stellen informieren sollte.


Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis
Meine Kita-Chefredakteur



Foto: Evgeny Atamanenko / Shutterstock

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