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Veröffentlicht am 09.07.2017  Geschrieben von Redaktion

Nachgefragt

Lohnt sich ein Studium der Kindheitspädagogik? Wo arbeiten die studierten Fachkräfte? Werden sie in Kitas gebraucht? Zwei Absolventinnen, eine Erzieherin und eine pädagogische Leitung schildern ihre Sicht.

"Finanziell hat sich das Studium nicht gelohnt, aber inhaltlich"
Rebekka Fix, 28 Jahre, Tandem-Leitung der Kita BABB des Trägers TÄKS e. V. in Berlin

Nach meinem Abitur habe ich „Erziehung und Bildung im Kindesalter“ auf Bachelor an der Alice Salomon Hochschule studiert. Davor habe ich ein dreimonatiges Vorpraktikum gemacht, später im Studium noch einmal zwei Praxissemester. Mein berufliches Ziel war es, im pädagogischen Bereich mit Kindern zu arbeiten. Deshalb hat mich dieser Studiengang besonders angesprochen. Nach dem Abitur stand für mich fest, dass ich studieren möchte. Über diese Entscheidung bin ich sehr froh, weil man im Studium intensive Einblicke in die Forschung bekommt. Auch die Reflexion der eigenen pädagogischen Geschichte war ein wichtiges Thema. Im Studium habe ich gelernt zu recherchieren und einen reflektierten Blick zu haben. Ich habe verschiedene Bildungstheorien kennengelernt und erfahren, dass sie sich über die Zeit verändern und pädagogische Ansätze keine dauerhafte Gültigkeit haben. Daher muss man sich immer weiterbilden. Ein Vorteil der Erzieherausbildung ist der stärkere Praxisbezug. Dort lernt man beispielsweise Lieder oder wie man den Morgenkreis gestaltet. Im Studium haben wir unter anderem gelernt, wie man grundsätzlich Angebote in verschiedenen Bereichen entwickeln und gestalten kann, um den Kindern neue Erfahrungs- und Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen.
 

Nach dem Bachelor habe ich ein Masterstudium gemacht, das knapp zwei Jahre gedauert hat. Besonders die interkulturelle Bildung hat mich interessiert. Seit Oktober 2014 arbeite ich als Leiterin des Kindergartens BABB-Kreuzberg. Die Leitung teile ich mir mit einer Kollegin, die bereits mehrere Jahre in der Einrichtung tätig ist, was mir den Einstieg erleichtert hat. Zudem konnte ich an einer anderthalbjährigen Leitungsfortbildung des Trägers teilnehmen. Dort wurden viele Themen behandelt, die ich bereits aus dem Studium kannte. Sie hatten für mich aber noch einmal eine andere Relevanz, da ich sie in meiner Arbeit direkt anwenden konnte. Besonders wertvoll war dabei der Austausch mit den Leitungskolleginnen und -kollegen.


Bei einer 39-Stunden-Woche habe ich sechs bis sieben Stunden pro Woche für Leitungsaufgaben. Ansonsten bin ich im Krippenbereich der Einrichtung tätig. Die Zeit für die Leitungstätigkeiten ist jedoch viel zu knapp bemessen, sodass die vielfältigen Aufgaben unter einem enormen Zeitdruck erledigt werden müssen. Das ist belastend.

Finanziell hat sich das Studium nicht gelohnt. Aber das war mir vorher bewusst. Durch das Studium fühle ich mich aber sehr gut auf die Leitungstätigkeit vorbereitet. Ich denke nicht, dass eine studierte Fachkraft für die gleiche Arbeit pauschal mehr verdienen sollte. Besser wäre es, Kindheitspädagogen in anderen Aufgabenbereichen einzusetzen als andere Kita-Fachkräfte. Ich fühle mich durch mein Studium sehr gut auf den Beruf vorbereitet. Trotzdem sollte es auch in Zukunft beides geben: Studium und Ausbildung, denn Menschen lernen unterschiedlich. Wichtig wäre allerdings, dass man beides berufsbegleitend machen kann.


„Ein Studium der Kindheitspädagogik ist nicht der einzige Weg“
Ursula Guggenberger, 52 Jahre, staatlich anerkannte Erzieherin mit Montessori-Zusatzausbildung und Fachkraft für Inklusion in der ­Kindertagesstätte in Wolfertschwenden

In unserer Einrichtung gibt es bisher keine Kindheitspädagogen. Wir sind eine Kindertagesstätte mit drei Kindergarten- und zwei Krippengruppen. Wir stellen uns immer wieder neuen Herausforderungen: Wir leben Inklusion und nehmen Kinder mit unterschiedlichsten Bedürfnissen auf.

Ich fühle mich durch meine Ausbildung zur Erzieherin an einer Fachakademie für Sozialpädagogik und meinen zusätzlichen Qualifikationen sehr gut ausgebildet. Regelmäßige Fortbildungen und eine ständige Auseinandersetzung mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen finde ich unerlässlich, um die Qualität in den Kindertageseinrichtungen zu halten oder gegebenenfalls zu verbessern. Daher finde ich prinzipiell eine Qualitätskampagne im Bereich der frühpädagogischen Ausbildung gut. In der derzeit laufenden Qualitätskampagne stören mich jedoch einige Dinge. Auf der einen Seite prangert man die fehlende akademische Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher an, auf der anderen Seite gibt es beispielsweise in Bayern eine Vorgabe, dass bis zu 50 Prozent der Personalstunden von Kinderpflegerinnen geleistet werden dürfen. Ich denke, hier muss man über eine Änderung des Qualitätsschlüssels diskutieren. Denn ob die Qualität der Arbeit in Kitas durch das Studium der Kindheitspädagogik verbessert werden kann, hängt nicht nur von den Inhalten des Studiums, sondern mindestens genauso von den gesetzlichen Vorgaben ab, die die Arbeitsbedingungen vor Ort regeln.

Zudem werden derzeit Ausbildungen zur pädagogischen Fachkraft angeboten, die in sehr kurzer Zeit nebenberuflich absolviert werden können. Hier geht es darum, möglichst schnell die derzeit fehlenden Erzieherinnen zu „produzieren“. Was hat das mit Qualitätsverbesserung zu tun?

Zusammenfassend halte ich einen hohen Ausbildungsstandard in der Frühpädagogik für absolut notwendig. Ein Studium der Kindheitspädagogik ist ein möglicher Weg, aber sicher nicht der einzige. Darüber hinaus gibt es weitere wichtige Ansatzpunkte, wie die Qualität verbessert werden kann, die überlegt und geklärt werden müssen.

„Ich habe lange auf ein Studium ­gewartet, das zu meinem Beruf passt“
Sabine Schreiber, 50 Jahre, Trägerin und alleinige Geschäftsführerin im Montessori Kinderhaus Bienennest in Berlin, Mutter von drei Kindern

Bevor ich Kindheitspädagogik studiert habe, habe ich rund acht Jahre als ausgebildete Erzieherin in einer Schule und in verschiedenen Kitas gearbeitet. Meine Kenntnisse wurden zu Beginn des Studiums geprüft und mir angerechnet. Es war ein Vollzeitstudium über sieben Semester. Damals war ich 40 Jahre alt. Im Studium gab es zwei Praxisphasen. Die erste wurde mir erlassen, da ich die Erfahrung schon hatte. Die zweite dauerte drei Monate. In dieser Zeit war ich mit drei Psychologinnen in der sogenannten Task Force. Wir sind als intervenierendes Team in Schulen gegangen und haben geholfen, wo es Schwierigkeiten mit Kindern gab. 

Im Studium hatte ich klassische Fächer wie Kunst, Musik, Bewegungs- und Theaterpädagogik, aber auch Mathematik, Medienpädagogik, Lernwerkstatt und pädagogische Theorien. Im siebten Semester wurde ich gefragt, ob ich die Leitungsstelle einer Kita übernehmen möchte. Eine Kommilitonin hatte in der gleichen Einrichtung gearbeitet und mich für den Posten vorgeschlagen, als die Stelle frei wurde. Das war natürlich ein Glücksfall. 

Ich habe mich für das Studium der Kindheitspädagogik entschieden, weil es im Vergleich zur Erzieherinnenausbildung anspruchsvoller und umfangreicher ist. Außerdem wird viel wissenschaftlicher gearbeitet. Das trägt zur Professionalisierung bei. Ich habe lange darauf gewartet, dass es ein Studium gibt, das zu meinem Beruf passt. Denn allgemeine Pädagogik ist keine Spezialisierung auf die ersten Kindheitsjahre.

Heute bin ich selbst Trägerin. Mit Unterstützung von ehemaligen Kollegen, Kommilitonen und Praktikanten habe ich vor fast drei Jahren meine eigene Kita gegründet. 

Müssen denn jetzt alle studiert haben?

Sonja Alberti arbeitet als pädagogische Leitung bei einem großen Kita-Träger sowie als Fortbildnerin und Autorin. Sie ist Inhaberin der Online-Lernplattform www.kita-campus.de und beantwortet im KitaClub per Video Fragen von Erzieherinnen und Erziehern.

Frühpädagogische Studiengänge sind in den letzten Jahren wie Spargel aus der Erde geschossen. Die Studiengänge ermöglichen es, sich auf akademischem Niveau mit Themen auseinanderzusetzen und einen entsprechenden Abschluss zu erlangen. Dass aber irgendwann alle pädagogischen Fachkräfte studieren, ist weder nötig noch wünschenswert. Die Aufgabe besteht darin, die Teams vor Ort besser darauf vorzubereiten, vermehrt mit Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten, die über einen anderen Grad an Fachwissen verfügen als man selbst. Diese Entwicklung hat Vorteile, ermöglicht beispielsweise Wissenstransfer – jedoch ist auch zu erwarten, dass sich manche Erzieherin oder mancher Erzieher bedroht fühlt und bewusst oder unbewusst gegen die Akademisierung beziehungsweise akademisch ausgebildeten Fachkräfte im eigenen Team ankämpfen wird. 

Eine Kommilitonin hatte in der gleichen Einrichtung gearbeitet und mich für den Posten vorgeschlagen, als die Stelle frei wurde. Das war natürlich ein Glücksfall. 

Ich habe mich für das Studium der Kindheitspädagogik entschieden, weil es im Vergleich zur Erzieherinnenausbildung anspruchsvoller und umfangreicher ist. Außerdem wird viel wissenschaftlicher gearbeitet. Das trägt zur Professionalisierung bei. Ich habe lange darauf gewartet, dass es ein Studium gibt, das zu meinem Beruf passt. Denn allgemeine Pädagogik ist keine Spezialisierung auf die ersten Kindheitsjahre.

Heute bin ich selbst Trägerin. Mit Unterstützung von ehemaligen Kollegen, Kommilitonen und Praktikanten habe ich vor fast drei Jahren meine eigene Kita gegründet. 


Ihre Frage, meine Meinung 

Was bewegt Sie zu diesem Thema? Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in der Akademisierung? Schreiben Sie Ihre Fragen oder Kommentare an die Redaktion an meine.kita@avr-verlag.de

Meine Kita-Expertin Sonja Alberti wird Ihre Fragen und Anregungen aufgreifen und per Video beantworten. Das Video wird hier im KitaClub veröffentlicht. 
 

Foto: baranq / shutterstock



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