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Veröffentlicht am 05.06.2017  Geschrieben von Redaktion

​Die Mischung macht’s

Kitas fehlen qualifizierte Erzieherinnen. Gleichzeitig sind die Anforderungen an ­frühpädagogische Fachkräfte gestiegen. Multiprofessionelle Teams könnten die ­Probleme lösen – davon ist Expertin Dörte Weltzien überzeugt.
Meine Kita: Kitas fehlen Fachkräfte. Wie ernst ist die Lage?

Prof. Dr. Dörte Weltzien: Viele Stellen sind unbesetzt und die Fluktuation ist hoch. Damit geht den Kitas Substanz verloren. Der Fachkräftemangel führt dazu, dass neue Berufsgruppen erschlossen werden und wahrscheinlich auch dazu, dass es leichter ist, fachfremde Qualifikationen für Erzieherinnenstellen genehmigt zu bekommen. Es ist wichtig, eine gute Vorbereitung zu treffen und Einarbeitungskonzepte zu stricken, um die neuen Mitarbeiter gut in das Team einzuführen. So entstehen multiprofessionelle Teams.


Wer darf überhaupt in einer Kita als pädagogische Fachkraft arbeiten?

Jedes Bundesland hat ein eigenes Kita-Gesetz, das festschreibt, wer in einer Einrichtung als pädagogische Fachkraft arbeiten darf. Für jeden Einzelfall, der nicht im Gesetz verankert ist, muss beim Landesjugendamt eine Genehmigung eingeholt werden. Das kann dazu führen, dass jeder Beruf auftaucht, wenn er per Sondergenehmigung erlaubt wurde – von der Logopädin bis zum Masseur. Trotzdem: Jede Kita-Fachkraft muss die Kompetenzen besitzen, um die pädagogischen Kernaufgaben zu erfüllen, wie gute Beziehungen zu den Kindern aufbauen, Elterngespräche führen, beobachten und dokumentieren.


Und wenn diese Kompetenzen fehlen?

Eine nicht frühpädagogisch ausgebildete Fachkraft, beispielsweise ein Physiotherapeut, muss sich die Grundlagen pädagogischen Handelns schnell aneignen, da sonst diese Arbeit am übrigen Team hängenbleibt. Wenn man ein Team multiprofessionell weiterentwickeln möchte, muss der Träger oder die Leitung dafür sorgen, dass die neuen Fachkräfte in kurzer Zeit sehr gut nachqualifiziert und eingearbeitet werden. 


Welche Vorteile bieten multiprofessionelle Teams?

Je mehr Kompetenzen in einem Team zusammenkommen, desto besser ist es für die Begleitung der Kinder und der kindlichen Entwicklung. Jedes Kind bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit, kulturell und entwicklungsbedingt. Wir haben große Bildungsanforderungen in den Bildungsplänen. All das soll in einer Kita über einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren erfüllt werden. Hier ist es für jede Kita gut, möglichst viele Kompetenzen im Team zu bündeln.


Eine Fachkraft aus einem anderen Bereich ist aber nicht zwangsläufig qualifizierter …

Nein, aber Leute, die aus einem therapeutischen, medizinischen oder pflegerischen Bereich kommen und in ganz anderen Settings gearbeitet haben – mit Menschen mit Behinderungen oder in stationären Einrichtungen –, bringen viele Kompetenzen mit im Umgang mit Herausforderungen im Alltag, mit schwierigen Situationen, mit Krisen und Gewalt. Sie können dem Team Kompetenzen bieten, die sich beispielsweise in Gelassenheit oder Krisenmanagement ausdrücken. Das ist nicht zu unterschätzen. 


Sie sagten, die neuen Mitarbeiter müssen rasch ­nachqualifiziert werden. Wie kann dies aussehen?

Die neuen Fachkräfte brauchen deutlich mehr Fortbildungen. Dafür müssen sie freigestellt werden. Um in den ersten Wochen gut im Team anzukommen, benötigen sie Zeit für Anleitung und Reflexion sowie Gespräche, aber auch Vorbereitungszeiten. 


Wie setzt sich ein multiprofessionelles Team ­idealerweise zusammen?

Mindestens zwei Drittel des Teams sind in der Regel staatlich anerkannte Erzieherinnen. Fünf bis zehn Prozent sind akademisch qualifizierte Fachkräfte wie Kindheitspädagoginnen, Sozial-, Heil- oder Sonderpädagoginnen. 10 bis 15 Prozent sind andere Fachkräfte, die unterschiedlich qualifiziert sind, wie Heilerziehungspflegerinnen, Physio-, Ergotherapeuten, Lehrkräfte mit erstem Staatsexamen oder Kinderkrankenpflegerinnen. Also Berufsgruppen, die eine Weiterqualifizierung brauchen.


Wie sieht es denn mit Konkurrenz in solchen Teams aus?

Probleme gibt es, wenn es zu versteckten oder offenen Konkurrenzen kommt. Wenn ein akademischer Abschluss gegen Praxiserfahrung ausgespielt wird. Eine gute Teamleitung sagt, beides ist gleich wichtig und notwendig: aktuelles Theoriewissen und reflektiertes Erfahrungswissen. Da ist keine Fachkraft mehr oder weniger wert. Über den Austausch ist das eine Bereicherung für alle.


Wann kann es in multiprofessionellen Teams zu ­Problemen kommen?

Wenn das Team nicht zusammenpasst. Wenn nicht genug Zeit da ist, oder die Zeit nicht genutzt wird, um sich fachlich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Dann gibt es Konflikte, weil sich die Säulen im Team, also die berufserfahrenen Erzieherinnen, die schon lange da sind und alles kennen, sehr stark belastet fühlen. Die Arbeitsbelastung steigt, obwohl sie eigentlich sinken sollte. 


Ist da die pädagogische Qualität noch gewährleistet?

Das bestätigten unsere Untersuchungen schon. Jeder Mensch ist lernfähig und diese neuen Fachkräfte sind hochmotiviert. Sie kommen nicht in die Kita, weil sie nichts anderes finden. Die Bereitschaft und Motivation, sich dieses Feld zu erschließen und länger dort zu bleiben und sich weiterzuqualifizieren, ist die beste Voraussetzung für gute Fachkräfte. Was sie jedoch brauchen, ist ein hohes Maß an Unterstützung. 


Was muss die Leitung tun, damit alle gemeinsam an einem Ziel arbeiten?

Eine klare Positionierung der Leitung für ein heterogenes, multiprofessionelles Team ist entscheidend, um die Bereitschaft zu entwickeln: Wir sind offen. Zudem muss sie für gute Teamstrukturen, Arbeitsbeziehungen, Teamzeiten und ihre Gestaltung sorgen. So kann das Team gut und schnell zusammen­wachsen. 


Und was kann der Träger tun?

Von Trägerseite ist es notwendig, für die Rahmenbedingungen zu sorgen, Nachqualifizierungen speziell für das Trägerkonzept anzubieten, und das zeitnah in den ersten Wochen. Darüber hinaus benötigt es ein gutes Einarbeitungskonzept mit einer guten Begleitung, im Sinne von Supervision und Coaching. Damit der Frust, der sich in der Einarbeitungszeit anstaut, ein Ventil bekommt und gut reflektiert werden kann. Gute Träger machen das und es lohnt sich immer. Eine Fachkraft, die schnell wieder geht, weil sie ­unzufrieden ist, ist eine teure Investition. 


Empfehlen Sie jeder Kita ein multiprofessionelles Team?

Zunächst empfehle ich jeder Kita ein gutes Team. Und das ist kein Selbstläufer. Denn viele Experten allein machen noch kein gutes Team. Jede Kita sollte sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man ein gutes Team bildet und welche einzelnen Qualifikationen ein Team bereichern können. Ich rate von der Vorstellung ab: Je bunter das Team, desto mehr kann man den Kindern bieten. Das kann dazu führen, dass die Erzieherinnen nur noch Wartezimmerpädagogik machen sollen, während die Experten das Besondere bieten dürfen. Das funktioniert nicht für ein Team.



Studie zu multi­professionellen Teams 
Das Phänomen der multiprofessionellen Teams ist nicht neu. Früher wurden fachfremde Kräfte ins Team geholt, aber nicht thematisiert. Erst 2013 untersuchte die auf zwei Jahre angelegte Studie TEAM BaWü (Team-Evaluation bezüglich der Arbeitsprozesse und Arbeitszufriedenheit multiprofessioneller Kindertageseinrichtungen für Baden-Württemberg), welche Erwartungen Träger und Leitungskräfte an multiprofessionelle Teams haben und wie sie sich in der Praxis bewähren. Ergebnis: Kita-Teams sind sehr heterogen hinsichtlich ihrer Arbeitsstrukturen, Zufriedenheit und Qualität. Die Teams haben jedoch ähnliche Bedürfnisse in Bezug auf die Personalentwicklung. Erforderlich sind eine gut gestaltete Einarbeitungsphase und eine enge fachliche Begleitung der neuen Fachkräfte, um ihnen Anschluss an die pädagogische Praxis zu ermöglichen und die Qualität aufrecht zu halten. Hierfür sind neue, auf die Vielfalt ausgerichtete Konzepte zu entwickeln und zu erproben.


Foto: BlueOrange Studio / shutterstock

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