Anmelden
Für KitaClubber › Mein Beruf
Veröffentlicht am 17.05.2017  Geschrieben von Eike Ostendorf-Servissoglou

​Ausbildung hausgemacht

Kitas kämpfen vielerorts mit zu wenig Personal. Ein Stuttgarter Träger steuert gegen: mit einer eigenen dualen Ausbildung und neuen Karriere-Optionen.
Erzieherinnen und Erzieher haben die Wahl: Sie können sich ihre Stellen aussuchen. Landauf, landab suchen Kita-Träger händeringend nach qualifizierten Fachkräften. Das Konzept-e-­Netzwerk, dem die Kita-Träger „Konzept-e für Kindertagesstätten“, „Kinder in Stuttgart“ sowie „Kind und Beruf“ angehören, ist mit seinen rund 40 Kitas, unter anderem in den Metropolen Stuttgart, Karlsruhe, München und Düsseldorf, ebenfalls betroffen. „Als Träger müssen wir Strategien entwickeln, um Ausbildung und Beruf attraktiver zu machen. So können wir unsere Beschäftigten halten und neue gewinnen“, ist Carola Kammerlander, pädagogische Geschäftsführerin bei Konzept-e, überzeugt. Das Träger-Netzwerk baute dazu eigene Fachschulen auf, warb um Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger und entwickelte neue Karrierekonzepte. 

Praxisintegrierte Ausbildung (PIA)
Seit 2011 betreibt das Konzept-e-Netzwerk die Freie Duale Fachschule für Pädagogik in Stuttgart und Karlsruhe. Sie bildet staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher aus und qualifiziert Fachkräfte, die aus anderen Branchen in die Frühpädagogik wechseln.

Das Besondere: Die dreijährige Vollzeitausbildung zur Erzieherin beziehungsweise zum Erzieher ist praxisintegriert. Das herkömmliche Anerkennungsjahr gibt es nicht mehr. Wie bei einer dualen Ausbildung üblich, wechseln sich Theorie und Praxis während der gesamten Ausbildung ab. Die pädagogischen Lehrkräfte der Freien Dualen Fachschule entwickelten dafür ein Blockmodell: Die Theorie- und Praxisblöcke sind zwischen sechs und 15 Wochen lang. Sie bieten Zeit, sich intensiv mit den aktuellen Lernthemen zu befassen und Projekte zu bearbeiten. Es entsteht ein „Lernkreislauf“, in dem Fachschülerinnen und Fachschüler lernen, theoretisches Wissen zu verstehen und es in praktisches Können zu überführen. Bezugsdozentinnen und Dozenten begleiten die Lernprozesse individuell. Sie führen regelmäßig Einzelgespräche mit „ihren“ Fachschülerinnen und Fachschülern, um Lern­ergebnisse zu besprechen und das weitere Vorgehen abzustimmen. Auch während der Praxisphasen sind sie mit ihnen im Austausch. Zum Übergang von der Theorie- in die Praxisphase und umgekehrt findet ein Übergangsgespräch statt. Daran nimmt auch die Kita-Fachkraft teil, die die Praxisanleitung übernommen hat.

Das neue PIA-Modell, das es bisher nur in Baden-Württemberg gibt, kommt gut an. 120 Fachschülerinnen und Fachschüler besuchen die Schule derzeit. Etwa 60 haben ihre Ausbildung bereits abgeschlossen. „Wir führen die Nachfrage unter anderem auf die Möglichkeit zurück, die Ausbildung selbst mitzugestalten und nach den eigenen Interessen zu planen. Sicherlich spielt auch eine Rolle, dass es von Beginn an ein Ausbildungsgehalt gibt, das von 918 Euro im ersten auf 1.014 Euro im dritten Ausbildungsjahr steigt“, sagt Schulleiterin Eva Lang. „Hier bewerben sich daher oft Menschen, für die die Kita-Pädagogik die Zweitausbildung darstellt.“ Darunter auch viele Männer. Ihr Anteil liegt bei über 30 Prozent. 

Kooperation mit anderen Kita-Trägern
„In Zeiten des Fachkräftemangels profitieren wir davon, dass wir eigenen Nachwuchs ausbilden, der von Anfang an in unseren Kitas mitarbeitet und uns in der Regel nach Ausbildungsabschluss treu bleibt“, sagt Carola Kammerlander. Auch andere Kita-Träger nutzen die Möglichkeit, Fachkräfte an der Freien Dualen Fachschule für Pädagogik ausbilden zu lassen. „Wichtig ist, dass die pädagogische Konzeption der Fachschule mit der der Kita harmoniert. Das Prinzip der Ko-Konstruktion, also des Lernens durch Zusammenarbeit und Austausch zwischen Fachkräften und Kindern, passt beispielsweise gut zu uns und dem Ausbildungskonzept“, erklärt Lang. 

Quereinstieg ermöglichen
Die Frage, wie man Fachkräfte aus anderen Berufsfeldern für eine Tätigkeit in der Kita gewinnt, beschäftigt den Träger schon lange. „Die Qualität profitiert von der Vielfalt im Kita-Team“, ist Kammerlander überzeugt. „Kita-Pädagogik umfasst eine äußerst anspruchsvolle Themenbreite. Es ist unrealistisch zu meinen, dass wir diese gut abdecken können, wenn wir unsere Teams mit Menschen besetzen, die alle die gleiche Ausbildung genossen haben und in der Regel über ähnliche Interessen und Stärken verfügen.“ Das Netzwerk hat daher mit element-i macht MINT und element-i macht Kunst Programme aufgelegt, um Fachleute aus dem naturwissenschaftlich-technischen sowie dem künstlerischen Bereich für die Einrichtungen zu gewinnen. „Wir machen sehr positive Erfahrungen. Wir merken aber auch, dass es einer individuellen Begleitung bedarf. Dann finden sich die neuen Kolleginnen und Kollegen gut ins Team ein und lernen, ihr spezielles Fachwissen pädagogisch sinnvoll umzusetzen.“ Hilfreich sei dabei auch die 1 200-Stunden-Qualifizierung, die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger begleitend an der Fachschule absolvieren. Zusammen mit zwei Jahren einschlägiger Berufserfahrung erhalten sie in Baden-Württemberg dann eine Anerkennung als Fachkraft mit Ausnahmezulassung.

Karrieremöglichkeiten bieten
In den Kitas des Konzept-e-Netzwerks arbeiten alle Fachkräfte gleichberechtigt im Team zusammen. „Das schätzen viele Beschäftigte am Erzieherinnen- und Erzieherberuf: Sie können selbstständig arbeiten und sich als Person einbringen“, sagt Kammerlander. Sie übernehmen Verantwortung für ihre Bezugskinder, für einen bestimmten Bildungsbereich wie zum Beispiel Bewegung, Kunst oder Sprache und erhalten Freiraum sowie Unterstützung, um ihre pädagogischen Ideen zu realisieren. „Wir finden es wichtig, unseren Fachkräften die Möglichkeit zu geben, ihren Beruf zu gestalten. Und wir möchten Aufstiegs- beziehungsweise Entwicklungsmöglichkeiten bieten“, erklärt Kammerlander.

Ein Karriereschritt kann der Aufstieg zur Teamleitung sein. Diese führt, anders als Kita-Leitungen bei anderen Trägern, die Kita-Teams zweier Häuser. Viele herkömmliche „Leitungsaufgaben“ sind daher auf die Teammitglieder verteilt. Von zahlreichen organisatorischen Tätigkeiten, wie Warteliste führen oder Materialien bestellen, sind die pädagogischen Kräfte befreit. Das übernimmt das kaufmännische Team. Erfahrene Teamleiterinnen und Teamleiter haben die Möglichkeit, Mentorin beziehungsweise Mentor zu werden. Sie geben dann die Leitung einer Kita ab und übernehmen stattdessen die Betreuung und Einarbeitung neuer Teamleitungskräfte. 

Fachkarriere machen
Doch nicht jeder möchte in der Karriereleiter aufsteigen. Denn häufig bedeutet dies, auch die direkte pädagogische Arbeit mit den Kindern aufzugeben. „Für diejenigen, die sich trotzdem beruflich weiterentwickeln möchten, bietet Konzept-e eine ‚Fachkarriere’ als Spezialistin oder Spezialist für ein bestimmtes Thema an“, erläutert Kammerlander. Viele Beschäftigte bringen bereits ein Spezialwissen mit. Andere kommen durch die Fortbildungsangebote der trägereigenen Akademie mit Themen in Berührung, für die sie sich begeistern. In der Folge erwerben sie in diesem Bereich oft eine besondere Expertise. Ihr Fachwissen stellen sie den anderen Einrichtungen im Netzwerk zur Verfügung, indem sie zu ihrem Themenfeld beraten, häuserübergreifende Qualitätswerkstätten gestalten oder Fortbildungen geben. Das Angebot der Konzept-e-Akademie steht auch anderen Trägern, ihren Fachkräften sowie Eltern offen. Die Teilnahme an einer zwei- oder dreitägigen Veranstaltung kostet 220 beziehungsweise 300 Euro. Die Seminarpalette reicht von pädagogischen Themen wie Sprachentwicklung oder Sozialraumorientierung über Zeitmanagement und Führung bis hin zu Foto- und Gitarrenkursen.

Foto: ESB Professional / shutterstock

Teilen auf
Teilen auf Facebook
0
0
Mehr zum Thema
Schon im Jahr 2009 standen Erzieherinnen und Erzieher mit ihren Forderungen nach Gesundheitsförderung im Fokus der Medien. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik streikten und demonstrierten frühpädagogische Fachkräfte für bessere Arbeitsbedingungen sowie mehr Wertschätzung. Worunter Kita-Fachkräfte am meisten leiden u...
Das Buch „Frühpädagogische Ausbildungen international. Reformen und Entwicklungen im Blickpunkt“ gibt einen Überblick darüber, wie sich die Qualifizierung der frühpädagogischen Fachkräfte in zwölf verschiedenen Ländern in Europa, USA, Asien, Australien und Neuseeland entwickelt hat. Bildungsexperte Gerhard Stranz hat die ­­...