Anmelden
Für die Praxis › Sprache & Gemeinschaft
Veröffentlicht am 24.05.2017  Geschrieben von Prof. Dr. Rahel Dreyer

Vom Hörsaal in die Kita

Noch ist der Anteil an Kindheitspädagoginnen und -pädagogen in Kitas gering. Das wird und muss sich ändern.
Studierst Du schon oder betreust Du noch?“ lautete im Jahr 2004 der Titel eines Artikels von Stefan Sell, als die ersten kindheitspädagogischen Studiengänge aus dem Boden sprossen. Inzwischen gibt es 109 Bachelor-Studiengänge und 24 Masterstudiengänge laut der Studiengangsdatenbank der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF). Sie sind zumeist an (Fach-)Hochschulen, Universitäten sowie in Baden-Württemberg an Pädagogischen und Dualen Hochschulen angesiedelt.

Die Absolventen kindheitspädagogischer Studiengänge erhalten in den meisten Bundesländern im Anschluss an ihr Studium die staatliche Anerkennung als Kindheitspädagogen. Voraussetzung hierfür ist ein in die Regelstudienzeit integrierter Praxisanteil von mindestens 100 Tagen. 

Die Anstellungsträger sind meistens Kommunen, die Verbände der freien Wohlfahrtspflege und andere privat-gemeinnützige Organisationen, vermehrt aber auch privat-gewerbliche Anbieter. 

Der Anteil akademisch ausgebildeter Fachkräfte im Bereich der Kindertagesbetreuung macht derzeit lediglich rund fünf Prozent des Personals aus. Den größten Anteil am Personal bilden mit 70 Prozent die an den Fachschulen beziehungsweise Berufsakademien ausgebildeten staatlich anerkannten Erzieherinnen und Erzieher. Rund 13 Prozent der Beschäftigten haben einen einschlägigen Berufsfachschulabschluss, vorwiegend im Bereich der Kinderpflege.

Kindheitspädagogen in Kitas
Rund 70 Prozent der Absolventen kindheitspädagogischer Studiengänge arbeiten nach dem Bachelorabschluss zunächst in Kindertageseinrichtungen. Experten gingen daher zunächst davon aus, dass in den nächsten Jahren der Anteil akademisch ausgebildeter Fachkräfte in Kitas weiter steigen wird. Der bundesweite Trend geht jedoch aktuell dahin, dass die Anzahl der Studienanfänger stagniert. 

Auch wenn Erzieherinnen und Erzieher die größte Berufsgruppe im Bereich der Kitas bleiben werden, so können multiprofessionelle Teams mit neuen Berufsgruppen wie den Kindheitspädagoginnen und -pädagogen dazu beitragen, der anspruchsvoller gewordenen Umsetzung des gesetzlichen Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrags optimaler zu begegnen. Dr. Helga Schneider, Professorin und Studiengangsleitung des Studiengangs „Bildung und Erziehung im Kindesalter“ an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, empfiehlt daher, dass „sukzessive in jeder Kita ein bis zwei Kindheitspädagoginnen angestellt werden, um eine wissenschaftlich fundierte, forschungsbasierte Reflexion und konzeptionelle Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit zu gewährleisten“.

Die Entlohnung von Kindheitspädagoginnen und -pädagogen im Bereich der Kindertagesbetreuung orientiert sich meistens noch an der von Erzieherinnen und Erziehern, sofern erstere keine Funktionsstelle oder Leitungsposition innehaben. Beabsichtigt man – wie in anderen europäischen Ländern – mehr akademisch qualifiziertes Personal in Kitas zu beschäftigen und dort zu halten, dann sollte zukünftig auch eine adäquate tarifliche Eingruppierung und Bezahlung sichergestellt werden.

Was zeichnet Kindheits­pädagoginnen aus?
Im Jahr 2015 wurde vom Studiengangstag Pädagogik der Kindheit ein Berufsprofil Kindheitspädagogin/Kindheitspädagoge verabschiedet, das aufzeigt, was Kindheitspädagoginnen und -pädagogen auszeichnet und welches Profil sie mitbringen. Hier heißt es unter anderem: 

„Der Beruf der Kindheitspädagogin und des Kindheitspädagogen ist auf die familiäre und öffentliche Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit, die Lebenswelten, Kulturen und Lebensbedingungen von Kindern und Familien sowie die Zusammenarbeit mit Familien ausgerichtet. Die Tätigkeit hat ihre Schwerpunkte in der erkenntnisgenerierenden Erforschung, der Konzeptionierung und der didaktischen, organisationalen und sozialräumlichen Unterstützung von Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindheit und Familie.“

Dies beschreibt, was das „Gemeinsame“ der teilweise sehr unterschiedlich lautenden Bachelor-Studiengänge ist. So kann man zum Beispiel „Bildung und Erziehung im Kindesalter“ an der Alice Salomon Hochschule Berlin, „Pädagogik der Kindheit“ an der Evangelischen Hochschule Freiburg und „Frühkindliche und Elementarbildung“ an der Pädagogischen Hochschule Weingarten studieren. 

Aktuell erschienen ist zudem die Broschüre „Kindheitspädagoginnen und Kindheitspädagogen im Arbeitsfeld Kita. Eine Information für Anstellungsträger“. Ihr Ziel ist es, Träger der Kinder- und Jugendhilfe über das neue pädagogische Berufsbild zu informieren:

„Kindheitspädagoginnen verfügen über eine wissenschaftlich fundierte und reflektierte Professionalität. Sie sind befähigt zur Planung, Durchführung, Steuerung und Evaluation pädagogischer Angebote für alle Kinder und Familien, auch für Kinder und Familien mit Migrations- oder Fluchterfahrung, zur Leitung von Kindertageseinrichtungen und Angeboten für Familien sowie zur Erzeugung praxisbedeutsamen und zugleich theorie- und forschungsbasierten Wissens (Praxisforschung im Arbeitsfeld). Sie können in komplexen und widersprüchlichen beruflichen Situationen, die durch Handlungsdruck gekennzeichnet sind, in einem wissenschaftlichen Sinne professionell entscheiden und handeln. Dies beinhaltet als Basis professionellen Berufshandelns vor allem, auf der Grundlage einer kritischen Auseinandersetzung mit einschlägigen Theorien und Forschungserkenntnissen, methodisch geleitet und selbständig pädagogisch bedeutsame Sachverhalte oder Situationen zu erkennen, zu deuten, einzuordnen und zu beurteilen.“ 

Mit ihrem Abschluss als staatlich anerkannte Kindheitspädagogen sind sie darüber hinaus befähigt: 

„zur Bildung, Erziehung und Förderung von Kindern im Alter von 0 bis 12 Jahren sowie zur Kooperation mit Eltern, Schule und Unterstützungssystemen,

zur Familienbildung, Familienberatung und Frühförderung,

zur Fort- und Weiterbildung von pädagogischen Fach- und Ergänzungskräften,

zur Anleitung, Begleitung und Beratung pädagogischer und nicht-pädagogischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

zu fachaufsichtlichen Tätigkeiten bei Kita-Trägern und Behörden,

zur praxisbezogenen Ausbildung pädagogischer Fach- und Ergänzungskräfte an Fachakademien / -schulen für Sozialpädagogik bzw. Berufsfachschulen für Kinderpflege, i. d. R. nach dreijähriger Berufspraxis als Kindheitspädagogin oder -pädagoge.“

Mehrwert für Kitas
In der Broschüre werden Leitkompetenzen definiert, die staatlich anerkannte Kindheitspädagogen im Vergleich zu den Leitkompetenzen staatlich geprüfter Kinderpflegerinnen und -pfleger, Sozialassistentinnen und -assistenten sowie staatlich anerkannter Erzieherinnen und Erzieher aufweisen. Die Einstellung von Kindheitspädagogen kann das Kompetenzprofil einer Einrichtung enorm erweitern. So tragen Kindheitspädagogen dazu bei, „dass das pädagogische Handeln in Kitas systematischer als bisher auf fachwissenschaftlicher Grundlage reflektiert und weiterentwickelt wird“, heißt es in der Broschüre, wodurch die Bildungsqualität in Kitas verbessert werden könne. Kindheitspädagogen leisten strukturelle Aufbauarbeit. Sie identifizieren neue strukturell-organisatorische und konzeptionelle Herausforderungen in Kitas, sie beurteilen diese wissenschaftlich fundiert und bearbeiten sie systematisch. Dadurch kann auf die spezifischen Bedarfe der Kinder und Familien genauer reagiert werden. Kindheitspädagoginnen und -pädagogen entwickeln auf wissenschaftlicher Grundlage Konzepte, um neuen gesellschaftlichen Anforderungen und Bedarfslagen zu entsprechen, zum Beispiel im Hinblick auf die Ganztagsbildung an Grundschulen, in Bezug auf die Einbeziehung von Flüchtlingskindern und -familien sowie die generelle Entwicklung eines inklusiven Systems der Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern sowie die Arbeit mit Familien. „Kindheitspädagogen leiten und koordinieren multiprofessionelle Teams systematisch und zielgerichtet; dadurch werden die unterschiedlichen Kompetenzen und Berufserfahrungen der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sinne einer optimalen Umsetzung des gesetzlichen Auftrags sowie des jeweiligen Trägerleitbildes gebündelt.“ Gemeinsam mit staatlich anerkannten Erzieherinnen, Erziehern und anderen pädagogischen Fachkräften bereichern sie die pädagogische Praxis und tragen zu ihrer Weiterentwicklung bei. Besonders die Vielfalt von Teams ist ein Gewinn für Kinder, Eltern, Fachkräfte und Träger.

Durchlässige Bildungswege
Unabhängig davon, ob es sich um klassische Ausbildungskonzepte oder neue Studienangebote handelt, ist es wichtig, Arbeitsmarkt, Ausbildung und Forschung stärker miteinander zu vernetzen sowie durchlässige Bildungswege unter Anrechnung formaler, non-formaler und informell erworbener Kompetenzen zu gestalten. Nur dann kann gewährleistet sein, dass kein Bildungsabschluss zur Sackgasse wird und die berufliche Mobilität des pädagogischen Personals sowohl auf der horizontalen wie auch auf der vertikalen Ebene verbessert wird.

Eine gemeinsame Aufgabe von Fach- und Hochschulen wird es weiterhin sein, dem Fachkräftemangel – insbesondere durch den Ausbau der Plätze für unter dreijährige Kinder – zu begegnen und die Fachkräfte auf das Arbeiten in multiprofessionellen Teams vorzubereiten.

Foto: Lorena Fernandez / shutterstock

Teilen auf
Teilen auf Facebook
0
0
Mehr zum Thema
Bei der konzeptionellen Weiterentwicklung von Kindertagesstätten nimmt die Montessori-Pädagogik heute einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Denn Maria Montessori begründete eine großartige Pädagogik. Doch entspricht ihr Konzept noch dem Verständnis kindlicher Entwicklung und Bildung im 21. Jahrhundert? Wassilios E. Fthenakis ü...
Die Qualität der frühen Bildung entscheidet über den weiteren Bildungsweg. In den Jahren vor dem Schuleintritt werden die Grundlagen für späteres erfolgreiches Lernen gelegt. Ausschlaggebend sind eine enge familiäre Bindung und geeignete Bildungsangebote. Letztere kosten Geld, und deshalb ist es zwingend erforderlich, in die frühe ...