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Veröffentlicht am 17.02.2017  Geschrieben von Dr. Hui Li

Hong Kong ist nicht Italien

Montessori und ­Reggio ­Emilia sind ­weltweit ­angewandte Modelle für die Frühpädagogik. In ­Kitas in Hongkong ­zeigen die ­Konzepte ­allerdings wenig ­Erfolg. Ein ­Erklärungsversuch.
Im vergangenen Jahrhundert kamen viele einflussreiche Ideen für die frühkindliche Bildung aus Italien. Zwei der bekanntesten sind Montessori und Reggio Emilia. Die beiden Ansätze werden weltweit unter Frühpädagogen diskutiert und in Kitas umgesetzt. Chinesische Pädagogen, die versucht haben, die Modelle in die Kitas zu bringen, scheiterten aber. Wissenschaftler wollen die Gründe hierfür herausfinden.

Zwei Konzepte mit Weltklasse

Beide Ansätze, Montessori und Reggio Emilia, sprechen sich für Frieden und gegen Gewalt aus. Sie teilen eine Vision, wie die menschliche Gesellschaft verbessert werden kann: Erwachsene müssen Kinder dabei unterstützen, ihr volles Potenzial als intelligente, kreative und ganzheitliche Personen zu entfalten. Nachfolgend ein kurzer Überblick über die Geschichte der beiden Konzepte, um ihre Parallelen und Kontraste besser zu verstehen:

Maria Montessori

Maria Montessori, 1870 bis 1952, eine der ersten promovierten Ärztinnen Italiens, ist weltweit bekannt für ihre Methodik in der Arbeit mit behinderten Kindern. Der Montessori-Ansatz wurde ab 1907 aus ihrer Arbeit und Lehrtätigkeit im römischen Kinderhaus für Kinder zwischen vier und sieben Jahren „Casa dei Bambini“ heraus entwickelt. Das faschistische Regime Mussolinis brachte die Montessori-Erziehungsmethoden jedoch in Verruf, sodass sie und ihr Programm Italien verlassen mussten.

Nach und nach wurde der Montessori-Ansatz von den Vereinigten Staaten bis Europa und in Indien populär, unter anderem durch die gemeinsamen Bemühungen der „Association Montessori Internationale“ (AMI) in den Niederlanden und der „American Montessori Society“ (AMS). In den Vereinigten Staaten gibt es heute über 5000 Montessori-Kindergärten, in Hongkong 8 Stück mit 13 Ausbildungsuniversitäten.

Reggio Emilia

Reggio Emilia ist eine Stadt in Norditalien. Im Jahr 1945, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, bauten Pädagogen, Eltern und Kinder gemeinsam die Gesellschaft und das kommunale System der Kindertagesstätten wieder auf. Unter der Leitung des italienischen Pädagogen Loris Malaguzzi (1920 bis 1994) wurde der Reggio-Ansatz erfolgreich und weltbekannt. Reggio Emilia ist kein formales Konzept wie Montessori, mit definierten Methoden, Zertifizierungsstandards für Pädagogen und Akkreditierungsverfahren. Das Konzept sollte sich immer weiterentwickeln und aus der Praxis heraus neue Theorien hervorbringen. In Nordamerika gibt es selbst ernannte Reggio-Emilia-Schulen. Seit 2003 wurden auch in Hongkong Kindergärten eingerichtet, die den Ansatz umsetzen sollten. Alle sind gescheitert.

Gemeinsamkeiten und ­Unterschiede in der ­Philosophie

Beide Ansätze sehen Kinder als aktive Gestalter ihrer eigenen Entwicklung, beeinflusst durch natürliche, dynamische Kräfte aus dem Inneren des Kindes. Montessori glaubte an die natürliche Intelligenz von Kindern. Die wichtigsten Punkte ihres Ansatzes sind: (1) Die kindliche Entwicklung wird in Sechsjahres-Abschnitten betrachtet. Jeder Abschnitt hat seine Besonderheiten. (2) Jedes Kind ist aktiv und wissbegierig. Es strebt nach Perfektion durch die Wirklichkeit, sein Spiel und seine Tätigkeiten. (3) Es sollten jeweils drei Jahrgänge von Kindern zusammen lernen, um die Kontinuität zwischen Kind und Erwachsenem und die engen Beziehungen mit gleichaltrigen Kindern zu fördern. (4) Das Alter von null bis drei Jahren ist die Zeit des „unbewussten absorbierenden Geistes“, das Alter von drei bis sechs Jahren die Zeit des „bewussten absorbierenden Geistes“. (5) Eine sorgfältig vorbereitete Umgebung hilft dem Kind, Entscheidungen zu treffen und gut zu „arbeiten“. Kinder können ungestört ihren Sinneswahrnehmungen nachgehen und können frei entscheiden, mit was und wie lange sie sich mit etwas beschäftigen. (7) Kinder entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo und Rhythmus, je nach ihren individuellen Fähigkeiten. Montessori bietet daher ein sehr individuelles Programm, mit klar umrissenen Bereichen.

Malaguzzi malte ein kraftvolles Bild vom Kind, von Geburt an sozial, voller Intelligenz, neugierig und staunend. Seine Philosophie: (1) Bildung basiert auf Beziehungen, unterstützt und aktiviert die gegenseitigen Beziehungen von Kindern mit anderen Kindern, der Familie, den Lehrern, der Gesellschaft und der Umwelt. (2) Kinder entwickeln die Fähigkeit, Ideen und Gefühle mit ihren „hundert Sprachen“ (expressive, kommunikative und kognitive Sprachen) symbolisch auszudrücken. (3) Lehrer sollten sich nach den Interessen der Kinder richten und ihnen nicht gezielt Lesen und Schreiben beibringen. Stattdessen sollten sie die sich entwickelnden Schreib- und Lesefähigkeiten fördern, wenn sich die Kinder mitteilen und mit anderen kommunizieren. (4) Curricula sollten einen zielgerichteten Verlauf, aber keinen festen Umfang und Ablauf haben. (5) Kinder bestimmen die eigene Entwicklung selbst. Dabei werden sie von Erwachsenen begleitet und nicht angeleitet. (6) Dieses Prinzip bedingt viel Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern. Langfristige und offene Projekte fördern kollaboratives Lernen. Reggio-Emilia-Einrichtungen sind sorgfältig eingerichtet, strahlen eine Leichtigkeit und angenehme Atmosphäre aus. Zu beachten ist, dass der Reggio-Emilia-Ansatz nur für die kommunale Kinderbetreuung und für pädagogische Programme für unter Sechsjährige entwickelt wurde.

Gemeinsamkeiten und ­Unterschiede in der ­Pädagogik

Beide Ansätze sehen den Erzieher als Förderer, Partner und Begleiter des Kindes. Sorgfältig eingerichtete, ästhetische Umgebungen dienen als pädagogisches Werkzeug. Beide legen großen Wert auf die Partnerschaft mit den Eltern. Es bestehen jedoch gegensätzliche Ansichten über die Natur des Kinders und des Lernens, weshalb die Rolle der Erzieher sich unterscheidet.

Die Pädagogik des Montessori-Ansatzes basiert darauf, dass der Erzieher die Rolle des unauffälligen Leiters spielt, während die Kinder einzeln oder in kleinen Gruppen eigenständig ihren Aktivitäten nachgehen. Folgende Punkte hebt Montessori hervor: (1) Die Erzieher sollten die Kinder detailliert und systematisch beobachten und eine ruhige Atmosphäre schaffen, sodass die Kinder ungestört und konzentriert beim Lernen fortschreiten können. (2) Ziel des Erziehers ist es, das Kind so zu unterstützen und zu ermutigen, dass er immer weniger eingreifen muss und das Kind Selbstvertrauen entwickelt. (3) Kinder zu unterbrechen, stört ihre Dynamik, ihr Interesse und ihre innere Gedankenarbeit. (4) Der Erzieher bringt die Kinder durch praktische Aktivitäten in engen Kontakt mit der Realität und verlässt sich dann auf die natürliche Entfaltung von Neugier und Gefühl. So lernen die Kinder das, was sie brauchen. (5) Der Erzieher sollte, je nach Entwicklungsstand des Kindes, die Verwendung von Materialien und Aktivitäten demonstrieren. (6) Lernräume sollten sorgfältig vorbereitete Umgebungen und Materialien bieten, die den Kindern ermöglichen, alleine oder in Gruppen ihrer natürlichen Neigung nachzugehen. (7) Spielzeug und Materialien sollten sorgfältig ausgewählt werden, vorzugsweise aus natürlichen Materialien. Bücher sollten auf ästhetische Weise Bilder aus der realen Welt zeigen.

Die Pädagogik von Reggio Emilia beruht auf der Ansicht, dass der Erzieher Ressource für die Kinder ist, sie führt, aufmerksam zuhört, beobachtet und dokumentiert: (1) Erzieher arbeiten in Teams und im Austausch mit den Kollegen. (2) Zusätzliche Fachkräfte, die in den bildenden Künsten ausgebildet sind, fördern den Ausdruck der Kinder in verschiedenen Medien und Symbolsystemen. (3) Erzieher sollten eine Umgebung schaffen, die das Kind zum Erkunden und Problemlösen anregt. (4) Erzieher dokumentieren die Entwicklung des Kindes und machen dadurch Lernen sichtbar. (5) Erzieher sollten nach Bedarf Anleitungen zu Werkzeug- und Materialverwendung geben und das Entdecken von Materialien und Ressourcen unterstützen. (6) Der physischen Umgebung sollte große Aufmerksamkeit geschenkt werden. Beim Reggio-Emilia-Ansatz nehmen die Einrichtung und die umgebende Gemeinschaft die Kinder in ihre Kultur auf. Sie sind auf ein demokratisches Mitwirken aus­gerichtet.

Einschätzung der beiden Konzepte

Montessori und Reggio Emilia haben verschiedene Zielgruppen, Ziele und Werte. Es gibt sieben widersprüchliche Punkte zwischen den beiden Ansätzen:
  1. Der Montessori-Ansatz wurde ursprünglich für arme Familien der Unterschicht in Rom entwickelt, mit einem Schwerpunkt auf Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen. Er wurde als „Massenpädagogik“ für arme Leute ausgelegt. Reggio Emilia hingegen ist ein pädagogisches Konzept für Mittelschichtfamilien, eine Art Elitebildung.
  2. Montessori betont „Arbeit“, Reggio Emilia Kreativität;
  3. Montessori geht von „Arbeit“ als einer mühsamen Tätigkeit aus, um ein Endprodukt herzustellen. Reggio Emilia achtet mehr auf „Kunstwerke“ des Kindes.
  4. Montessori legt Wert auf die sensorisch-motorische Entwicklung, Reggio Emilia konzentriert sich auf die kreative, geistige Entwicklung.
  5. Der Montessori-Ansatz entsprang der industriellen Revolution um 1900, Reggio Emilia ist ein Produkt der postindustriellen Revolution.
  6. Der Montessori-Ansatz verlangt keine spezielle Ausbildung (eine vorhergehende Schulung ist aber erforderlich), während Reggio Emilia ausgebildete Fachkräfte erfordert, um die Erkundungstätigkeiten von Kindern zu leiten.
  7. Im Gegensatz zu Reggio Emilia kann Montessori einfach eins zu eins umgesetzt werden.

In Hongkong werden die Ansätze mittlerweile davon abweichend umgesetzt: Beispielsweise wird Montessori in Schulen mit hohen Gebühren für Kinder der oberen Mittelschicht angewandt. Die Internationale Montessori-Schule in Hongkong wurde 2003 eingerichtet. Sie kostet 139.000 Hongkong-Dollar pro Jahr. Das entspricht circa 16.600 Euro. Durchschnittliche Mittelschichtfamilien in Hongkong können sich diese Ausbildung nicht leisten. Für Familien der Unterschicht versuchten einige Kindergärten in Hongkong, den Reggio-Emilia-Ansatz umzusetzen. Sie scheiterten, da sie nicht über qualifizierte Erzieherinnen mit Erfahrung in bildenden Künsten und nicht über ausreichend Ressourcen, Zeit und Räume für Projektarbeiten verfügten. Der entscheidende Punkt war jedoch, dass den Eltern aus der Mittelschicht das Reggio-Emilia-Konzept nicht zusagte und die Kinder daher ausblieben.

Schlüsse aus Hongkong

Die direkte Umsetzung des Montessori- und Reggio-Emilia-Ansatzes in Hongkong blieb bisher erfolglos. Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen:

1. Wir sollten Konzepte aus anderen Kulturen nicht direkt übernehmen, sondern voneinander lernen und dabei unsere eigenen soziokulturellen Gegebenheiten anerkennen. Es gibt keine kulturell universellen pädagogischen Praktiken. So gibt es auch kulturelle Unterschiede zwischen westlicher und chinesischer Pädagogik – Versuche, diese direkt umzusetzen, können nicht erfolgreich sein.

2. Wir können den theoretischen Rahmen der drei von mir ent­wickelten „CAPs“* verwenden, um zu prüfen, ob sich ein Konzept für eine Gesellschaft wie Hongkong eignet. Die erste CAP steht für „Culturally Appropriate Practice“, die kulturell angemessene Praxis. Das bedeutet, dass das Modell zur sozialen chinesischen Ökologie und Kultur passen sollte und nicht ausschließlich von europäischen beziehungsweise amerikanischen ­Vorstellungen abhängig sein darf.

Die zweite CAP ist die „Contextually Appropriate Practice“, die kontextbezogene angemessene Praxis. Das bedeutet, dass sich das Modell in den speziellen Kontext und in die Kultur einer Einrichtung einfügt. Elemente ­dürfen nicht einfach kopiert ­werden.
Die dritte CAP ist die kindlich angemessene Praxis – „Child Appropriate Practice“. Das Modell sollte auf das Entwicklungsniveau, die Bedürfnisse und das Interesse eines jeden Kindes eingehen, sodass jedes Kind vom ­Modell profitieren kann.

Text übersetzt aus dem Englischen

Fotos: kroomjai / Shutterstock; Dragon Images / Shutterstock

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