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Für die Praxis › Kita kreativ
Veröffentlicht am 16.02.2017  Geschrieben von Redaktion

Wünsch’ dir was!

Erzieher verdienen so viel wie Professoren, es gibt Windeln mit Sensoren und kostenlose Krippenplätze, der Betreuungsschlüssel liegt bei 3:1. Meine Kita hat bei Wissenschaftlern, Erziehern und Eltern ­nachgefragt, wie ihre Wunsch-Kita aussieht.

„Ich hatte einen Traum“

Prof. Dr. Hilde von Balluseck, Chefredakteurin Frühe Bildung Online

Kürzlich erzählte mir Denise, Erzieherin in einer Kita, wie schwierig es sei, die vielen Flüchtlingskinder in den Gruppen zu integrieren. Sie arbeitet in einem sozialen Brennpunkt, wo viele deutsche Familien auf Hartz IV angewiesen sind. Denise war ziemlich verzweifelt, weil sie sich den Anforderungen kaum gewachsen fühlte.

Nach diesem Gespräch ging ich ein wenig deprimiert nach Hause und fragte mich, wieso schon in unserem reichen Land die Hürden zu hoch sind, die frühe Bildung qualitativ hochwertig auszugestalten.

In der Nacht hatte ich einen Traum.
 
Ich traf Denise, die mir erzählte, was sich alles verändert hatte. Es war Friede in der Welt, die Waffen ­schwiegen. Die wirtschaftlichen Konzerne arbeiteten mit den Regierungen zusammen, das Ziel maximaler Gewinne war dem Schutz der Natur und den anderen Bedürfnissen der Menschen untergeordnet. Deswegen hatten sich die Lebensbedingungen vor allem in den armen Ländern so verbessert, dass alle Menschen bleiben konnten, wo sie lebten, und nur auswanderten, wenn Ausbildung oder Beruf es verlangten. In allen Ländern gab es ausreichend und hoch qualifiziertes Personal in den Kinderhäusern – Erzieherinnen und Erzieher für die Kleineren, Lehrerinnen und Lehrer für die Größeren. Die Digitalisierung war so weit fortgeschritten, dass Kinder auch außerhalb der Kinderhäuser Zugang zu hochwertigen Bildungsangeboten hatten.

Die sozialen Unterschiede waren überall nur noch gering. Die pädagogischen Fachkräfte konnten ihre Energie darauf verwenden, die Entwicklung der Kinder zu fördern. Denise berichtete von den gesetzlich festgelegten Qualitätsstandards im Kinderhaus, auf deren Umsetzung Fachkräfte, Eltern und die älteren Kindern gemeinsam achteten. So zogen alle an einem Strang.

Denise war stolz auf ihren Beruf und ihre Arbeit – so kannte ich sie bisher nicht. Sie wusste um ihren Wert, weil sie so viel verdiente wie eine ­Professorin.

Was für eine schöne Welt!

Ich wachte auf, rieb mir die Augen und stellte fest: Es war nur ein Traum. Und ich muss mich, wie Denise, damit begnügen, aus den gegebenen Verhältnissen das Beste zu machen.

„Geringere Altersspanne innerhalb der Gruppe“

Alice Bergler, Mutter eines dreijährigen Sohnes und einer vier Monate alten Tochter


In meiner Wunschkita der Zukunft gibt es kleine Gruppen mit maximal zwölf Kindern und einem Betreuungsschlüssel von 3:1. Die Altersspanne der Kinder innerhalb der Gruppen ist geringer, da mir Null bis drei Jahre zu groß erscheint. Die Erzieher gehen wertschätzend mit den Kindern um und fördern diese entsprechend ihrer Stärken. Ein Native Speaker ist für die bilinguale Spracherziehung zuständig. Die Kinder gehen jeden Tag an die frische Luft und sammeln Erfahrungen in der Natur. Sie lernen mit unterschiedlichen Medien umzugehen und können jede Woche musizieren, tanzen und Sport machen. Das Essen in der Kita hat eine hohe Qualität. Die Zusammenarbeit zwischen Betreuern und Eltern ist eng und die Eltern sind über Aktivitäten, das Verhalten des Kindes und seine Entwicklung informiert.

Flexible Hol-, Bring- sowie kurze Schließzeiten erleichtern die Organisation des Alltags. Ein Shuttle, das das Kind auf Wunsch zur Kita und nach Hause bringt, sowie die Möglichkeit, Betreuer als Babysitter zu buchen, sorgt für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
 

„Es sollte Schutz­konzepte in den ­Krippen geben“

Dr. Maria Uhanyan, Mutter einer zweijährigen Tochter

Für die Krippe der Zukunft wünsche ich mir vor allem gut ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher, die deutlich besser bezahlt sind, und einen 3:1 Betreuungsschlüssel. Ein Hochschulstudium sollte ein Muss sein. Erzieher leisten einen so wichtigen und harten Job, der von allen Seiten mehr geschätzt werden sollte. Zudem sollte es Schutzkonzepte in den Krippen geben, deren Umsetzung von extern kontrolliert wird. Damit Eltern entlastet werden, wären kostenlose Krippen ein Traum.

„Es gibt Windeln mit Sensoren“

Florian Esser, 29, Erzieher und KitaClub-Blogger

Werden die Kinder im Jahr 2030 mit ferngesteuerten Drohnen in die Kita geflogen? Wird es Windeln mit Sensoren geben, die der Erzieherin per App melden, dass das Kind gewickelt werden muss? Werden die Kinder auf einem digitalen Autoteppich spielen? Unzählige Sensoren in der Kleidung der Kinder, in der Tapete, im Boden oder dem Teppich könnten unaufhörlich sämtliche Bewegungsdaten der Kinder aufzeichnen und daraus ein Bewegungsprofil jedes einzelnen Kindes entwickeln. Bei anstehenden Elterngesprächen würden dann keine amüsanten Anekdoten oder bedeutsamen Beobachtungen des Kindes geteilt, sondern sämtliche Entwicklungsdaten des Kindes ausgewertet.

Aber mal im Ernst, es liegt an uns, die Kita und ihre Infrastruktur auf die Kinder von Morgen vorzubereiten. In einer Zeit, in der die Welt medial immer näher zusammenrückt und ein Leben ohne Smartphone und Wifi undenkbar oder zumindest reaktionär erscheint, muss die Kita die pädagogischen Weichen für die gezielte Förderung der Nutzungs- und Anwenderkompetenz der Kinder stellen. Wir brauchen die Konzeption 2.0 für alle Bildungseinrichtungen im Elementarbereich. Kitas haben die Aufgabe, die Lebenswirklichkeit der Kinder aufzugreifen und ihnen Antworten auf ihre Fragen zu geben. Es braucht pädagogisches Personal, das sich nicht im digitalen Dornröschenschlaf befindet. Die Kita muss nach wie vor ein exzellenter Bildungsort mit mannigfaltigen Anlässen zur Selbstbildung und Exploration sein, der alle Bildungsbereiche und im Besonderen die Medienkompetenz berücksichtigt.

Die Basis aller Anwendungen bildet die zwischenmenschliche Kommunikation. Die zentrale Aufgabe der Kita liegt darin, den Kindern einen adäquaten Umgang mit Informationen zu vermitteln sowie die Risiken neuer Medien aufzuzeigen und das Kind als „User“ in seiner Metakompetenz zu stärken. Denn nicht die Medien sollen das Kind beherrschen, sondern das Kind den kompetenten Umgang mit diesen. Im Sinne eines ganzheitlichen Bildungs- und Erziehungsauftrages liegt es an uns, die Kinder an eine reflektierte Mediennutzung heranzuführen und sicherzustellen, dass die Kinder zu einer eigenverantwortlichen und (medien)kompetenten Persönlichkeit „on“ und „offline“ heranwachsen können.

„Weg mit dem ­Flickenteppich!“

Prof. Dr. Christa ­Katharina Spieß, ­Bildungsökonomin

Wünschenswert wäre, dass die Investitionen in Betreuung und Bildung weiter steigen, damit die Qualität noch besser wird. In die frühe Bildung zu investieren, ist aus ökonomischer Sicht nicht nur sinnvoll, es ist ökonomisch notwendig! Früh in Bildung zu investieren, lohnt sich weitaus mehr als zu einem späteren Zeitpunkt. Allerdings nur dann, wenn es sich um qualitativ hochwertige Angebote handelt. Bildungsökonomische Studien zeigen, dass insbesondere Kinder aus sozial benachteiligten Familien von Investitionen in frühe Bildungsprogramme profitieren.

Daher sollte in Deutschland vor allem in die Qualität frühkindlicher Bildungs- und Betreuungsprogramme investiert werden. Ich hoffe, dass es bis 2030 hier einheitliche Standards gibt. Damit jedes Kind dieselbe Chance hat.

Deswegen muss sich bis dahin auch bei den Kita-Gebühren einiges ändern. Heute sind die Kita-Gebühren in den Kommunen unterschiedlich hoch und häufig nicht transparent. Vielfach zahlen in unterschiedlichen Kommunen Eltern unterschiedliche Gebühren. Das ist ein richtiger Flickenteppich. Wünschenswert wäre bis 2030 ein sozialeres Gebührenmodell. Damit meine ich, dass überall die Gebühren nach Einkommen gestaffelt sind. So ein Modell gibt es bereits in vielen, aber nicht allen Bundesländern.

Was die Investitionen von ­Kommunen, Ländern und Bund ­betrifft, wünsche ich mir, dass der Bund mehr Kosten trägt. Es ist ­ dabei wichtig, dass auch in Zukunft sicher ist, dass die Gelder, die der Bund für Kitas bereitstellt, auch bei den Kitas ankommen.

Foto: Sebastian Gruia; Privat (2); Barbara Dietl / DIW Berlin; Esser



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