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Für die Praxis › Kita digital
Veröffentlicht am 19.02.2017  Geschrieben von Antje Bostelmann

Die digitale Revolution

Lebendig gewordene Milchkartons, blinkende Pappmonster: In der Kita der Zukunft bauen und programmieren Kinder ihr Spielzeug selbst.
Im Kindergarten ist heute viel Aufregung. Susanne, die Erzieherin, hat ein Tablet mitgebracht und die Kinder gebeten, alle Dinge zu fotografieren, die rund sind. Nico läuft zum Bällebad, hält einen blauen Ball hoch. Lea fotografiert ihn mit dem Tablet. Mia findet den runden Spiegel in der Toilette und drückt auf den Auslöser. Zehn Minuten später sitzt die Gruppe wieder zusammen und staunt, wie viele runde Dinge die Kinder im Kindergarten gefunden haben. Die Erzieherin notiert: „geometrische Körper behandelt“.

Das Beispiel zeigt, wie digitale Medien in der Frühpädagogik eingesetzt werden. Es geht nicht um Spiele und Unterhaltung, sondern um Lernprojekte, die, aktiv vom Kind ausgehend, Reales mit Virtuellem verbinden und dabei zu Lernerfolgen führen.

Nicht den Anschluss ­verpassen

Schon jetzt betreuen und bilden Pädagogen Kinder, die in einer Welt erwachsen sein werden, die heute noch nicht bekannt ist. Die digitale Revolution bezieht sich nicht alleine auf die Benutzung von Geräten wie Smartphones und Tablets. Es geht darum, die Veränderungen in unserem Zusammenleben mitzugestalten, die durch digitale Informationssysteme, die Veränderung materieller Produktionssysteme und das rasante Voranschreiten der Globalisierung erzeugt werden. Die Aufgabe der Erzieherinnen und Erzieher besteht weiterhin darin, die Lernwege der Kinder zu begleiten und dabei Anregungen und Werkzeuge bereitzustellen.

Bildungsprogramme ­ergänzen

Die Bildungsprogramme deutscher Kindergärten sollten daher um drei wichtige Bereiche ergänzt werden:

Informationskompetenz
Die Informationskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Informationen bereitzustellen und zu generieren. Vorschulkinder sind besonders vom Internet fasziniert, da sie aus der Art und Weise, wie Erwachsene sich dort informieren, ableiten, dass das Internet für Wahrheit steht. „Wer schreibt eigentlich das Internet?“ oder „Was muss ich lernen, damit ich später Internetschreiber werden kann?“ sind Fragen von Fünfjährigen. Fragen müssen beantwortet werden, und so ist es eine wichtige Aufgabe des Kindergartens, Vorschulkinder über die Arbeitsweise von Suchmaschinen, die meist nutzerbezogene Ergebnisse anzeigen, aufzuklären und das Internet als Wahrheitsinstitution zu entzaubern.

Technik verstehen und ­programmieren können
Dass Kindergartenkinder Grundwissen über Strom erlangen müssen, steht in verschiedenen Erziehungs- und Bildungsplänen. Trotzdem gibt es in vielen Kindergärten kein Material zum Bauen von Stromkreisen. Fragen wie: „Wie kommt das Bild in den Drucker?“, „Was ist ein QR-Code?“ oder „Woraus besteht ein Chip?“ sollten in der Kita behandelt werden. Es ist wichtig zu zeigen, dass digitale Geräte auf Grund von Programmierungen funktionieren und die Kinder in diese Welt einzuführen. Erste Programmierübungen lassen sich ganz ohne technische Geräte durchführen: Die Kindergruppe wird mit einfachen Befehlen über den Spielplatz dirigiert. Zu erfahren, was dabei alles schiefgehen kann, ist der erste Schritt zum Verständnis des Programmierens.

Produktionskompetenz
Eine eigene Idee entwickeln und selbst verwirklichen können, diese Erfahrung stärkt Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Die Kita braucht dazu nicht viel: eine Sammlung schöner Recyclingmaterialien, die üblichen Bastelwerkzeuge (Klebepistole, Klebeband, Schere, Locher etc.) und einfache elektrische Bauteile.

In jedem Kindergarten werden ­irgendwann einmal Pappmonster aus ausrangierten Kartons gebaut. In der Kita von morgen leuchten diese Monster und sie bewegen sich – ­mithilfe von kleinen Motoren, Kabeln, Batterien und Leuchten aus dem Baumarkt. In die Kartonteile werden die elektronischen Teile eingebaut und mit Klebeband fixiert. Dann einfach eine Batterie anschließen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis in Kindergärten lebendig gewordene Milchkartons zwischen den ­Kinderfüßen umherfahren.

Die Beispiele zeigen: Die Zukunft gehört nicht den Bildungsinstitutionen, die mit Computern vollgestopft sind. Die Entwicklung zum Individuum, welches mit einem hoch individualisierten Device ausgestattet ist und sich darüber ausdrückt, ist in vollem Gange. Es geht also darum, den Menschen in einer durch digitale Technik stark in Bewegung geratenen Demokratie ernst zu nehmen und zu stärken. Das sollte bereits früh beginnen. In der Kita der Zukunft.

Foto: Aleksandar Mijatovic / Shutterstock
 

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