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Für die Praxis › Sprache & Gemeinschaft
Veröffentlicht am 06.02.2017  Geschrieben von Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis

Kita der Zukunft - Darum muss es uns gehen!

Damit sich die frühe ­Bildung ­weiter­entwickelt, muss sich auch die ­theoretische Sicht darauf ­ändern. Meine ­Kita-Chefredakteur Wassilios E. Fthenakis über die Kita der Zukunft.
Zukunftsorientierte Entwürfe über die Gestaltung von Kindertagesbetreuung geben Orientierung und liefern vor allem Grundlagen für weitere Diskurse. Wenn sie jedoch als Instrumente der Veränderung dienen sollen, darf man nicht übersehen, dass sie begrenzt sind.

Allerdings sollten wir uns über die Art und Mechanismen der Veränderung Gedanken machen. Bislang hat man zwei Strategien umgesetzt: entweder eine Reform von oben nach unten oder eine von unten nach oben. Klassisches Beispiel für erstere waren die Bildungspläne, für letztere waren es Modellversuche, Leuchttürme oder preisgekrönte Einrichtungen. Beide Strategien haben jedoch frühpädagogische Einrichtungen und damit das System der Frühpädagogik nicht wesentlich verändert.

Veränderung auf allen Ebenen ­gestalten
Der kanadische Bildungsforscher Michael Fullan hat alternative Wege aufgezeigt, die hätten helfen können, das System zu verändern. Auch das Bemühen, auf einen festgelegten Zeitpunkt hin Entwicklungen vorauszusagen, hat sich als nur bedingt geeignet erwiesen, den längst fälligen Wandel im Bildungssystem und insbesondere in den frühpädagogischen Einrichtungen auf den Weg zu bringen.

Für die weitere Entwicklung der Frühpädagogik und deren zukünftige Orientierung schlage ich vor, Veränderungsprozesse auf allen Ebenen einzuleiten und diese im Rahmen einer prozessual ausgerichteten Strategie ko-konstruktiv mit den beteiligten Akteuren zu gestalten. Diese Veränderungen betreffen die theoretische Fundierung, die Grundsätze und Prinzipien pädagogischen Handelns, didaktisch-methodische Ansätze, eine Neudefinition von Bildungszielen, die Organisation von Bildungsprozessen und die Einbeziehung von Lernorten außerhalb der Einrichtungen. Ebenso geht es um eine Neudefinition der Beziehungen dieser Lernorte. Dazu gehören vor allem die Konzeptualisierung der Familie als Bildungsort, und nicht zuletzt der Entwurf neuer Lernsettings, die nicht nur die analoge, sondern in gleicher Weise auch die virtuelle Welt berücksichtigen.

Bestandteil einer solchen Veränderungsstrategie müssen die Rahmenbedingungen und insbesondere die Professionalisierung der Fachkräfte sowie eine Weiterentwicklung der Bildungspläne sein. Die Zukunft lässt sich am besten bewältigen, wenn die Gegenwart auf einem hohen Qualitätsniveau stattfindet und dieser Veränderungsprozess permanent, auf Evaluationsdaten gestützt, reflektiert wird.

Veränderung der Theorie
Wie es gelingen kann, möchte ich am Beispiel der theoretischen Positionierung der Frühpädagogik zeigen. In kaum einem anderen Bereich in der Frühpädagogik fanden in den letzten Jahren so tiefgreifende Veränderungen statt wie in der Theoriediskussion. Bis zu Beginn dieses Jahrhunderts bediente man sich vorwiegend konstruktivistischer Ansätze: Diesen zufolge wird Bildung primär als ein intrapsychischer Vorgang betrachtet. Der bevorzugte didaktische Ansatz ist der Ansatz der Selbstbildung (Autopoesis). In diesem Verständnis von Bildung wird das aktive Kind als Konstrukteur seiner eigenen Entwicklung und Bildung angesehen. Und unter Bildung wird die Entwicklung eines subjektiven Bildes der äußeren Wirklichkeit verstanden. Eine anregende Umgebung beeinflusst die Gestaltung kindlicher Bildungsprozesse positiv. Andere Akteure haben keinen direkten Einfluss auf den vom Kind moderierten Bildungsprozess. Die Rolle der Fachkraft, soweit konzeptualisiert, wird als beobachtende, begleitende, dokumentierende Rolle beschrieben. Die Fachkraft bleibt passiv. Interaktionen werden zwar berücksichtigt, ihnen wird jedoch nachgeordnete Bedeutung beigemessen. Soziale Beziehungen spielen in diesem Bildungsverständnis nur die zweite Geige.

Entwicklung ist ein sozialer Prozess
Vor etwa 15 Jahren habe ich auf die Begrenzungen dieses Ansatzes hingewiesen und bei der Begründung der von mir initiierten und verantworteten Bildungspläne sozial-konstruktivistische Ansätze herangezogen, die zu einer anderen Konzeptualisierung von kindlichem Lernen führen. Von dieser Perspektive aus werden Entwicklung und Lernen als vorwiegend sozialer Prozess betrachtet. Das Kind ist von Anfang an in soziale Beziehungen eingebettet. Es gestaltet seine Entwicklung aktiv mit, aber nicht allein. Das Beziehungsnetz gestaltet sich im reellen wie im virtuellen Raum. Die soziale Interaktion stellt eine zentrale Kategorie dieses Ansatzes dar, der sich der Methode der Ko-Konstruktion bedient.

Sowohl konstruktivistische als auch sozial-konstruktivistische Theorien haben das Lernen als einen zwischen Individuen stattfindenden Prozess betrachtet. Darin lag auch deren Begrenzung. Dadurch jedoch, dass der sozial-konstruktivistische Ansatz das Beziehungsnetz des Kindes im reellen, analogen wie im virtuellen Raum betrachtet, hat er die Tür für die Weiterentwicklung des theoretischen Rahmens offen gehalten. Hier schließen neuere Überlegungen an, wie sie etwa vom Connectivismus und der Akteur-Netzwerk-Theorie postuliert werden. Die Welt besteht dieser Theorie nach aus dem Zusammenschluss unterschiedlicher Elemente. Das Soziale entsteht aus der Mitwirkung unterschiedlicher Entitäten, die humaner und nicht humaner Natur sein können. Technische, natürliche und soziale Objekte werden nicht nur durch die Gesellschaft erklärt. Vielmehr wird ihr Einfluss auf die Gesellschaft in die Betrachtungsweise und in die Analyse einbezogen. Auch Dinge werden als handelnde Akteure (Aktanten) betrachtet, die gemeinsam mit humanen Akteuren solche Netzwerke bilden. Als methodologische Werkzeuge dienen Ethnographie, Semiotik sowie neuerdings die Diskursanalyse.

Auch Nicht-menschliches prägt das Soziale
Die Akteur-Netzwerke-Theorie fand in soziologischen und zunehmend in psychologischen, und neuerdings auch in historischen Untersuchungen Anwendung. Vor allem aber wurde diese Theorie dazu verwendet, um wissenschaftliche und technische Innovationen zu erklären. Das Neue an dieser Theorie besteht darin, dass sie zur Erklärung der Entstehung des Sozialen, neben humanen Beiträgen, auch solche nicht humaner Art einbezieht. Netzwerke entstehen aus materiellen Dingen, zum Beispiel aus Tischen im Kindergarten, iPads, Spielzeugen und anderen Gegenständen, und semiotischen Verbindungen, das heißt zwischen den Konzepten, die die Fachkräfte vertreten oder in technologischen Entwicklungen enthalten sind.
Um dies über die Kindergartengruppe hinaus zu verdeutlichen: Die Leitung, die Fachkräfte, die Eltern, die Kinder, der Träger und weitere menschliche Akteure sind relevant. Ebenso aber auch die Lage der Einrichtung, ihre Architektur und Gestaltung, die Gegenstände, die das Funktionieren der Einrichtung ermöglichen. Und auch die technologische Ausstattung wie Mobiltelefone, Computer, iPad und andere Geräte befinden sich in einem funktionalen, immer wieder wechselnden Zusammenhang, der die Art und Qualität des Netzwerks ausmacht.

Diese Netzwerkbildung wie bislang nur auf ihren humanen Anteil zu beschränken und Theorien darauf zu fokussieren, ist aus Sicht der Akteur-Netzwerk-Theorie nicht ausreichend. Damit liegt ein theoretischer Ansatz vor, der es erstmals in der Frühpädagogik ermöglicht, Bildungsprozesse zu beschreiben und zu erklären, in deren Organisation neue Technologien einbezogen werden. Wenn heute der Human Computer in der Lage ist, einen von Fachkraft und Kindern organisierten Bildungsprozess zu dokumentieren, die gewonnenen Daten zu analysieren und individuelles Feedback an die Fachkraft und die Kinder zu geben, dann reichen bisherige Theorien nicht aus, die sich nur auf zwischenmenschliche Beziehungen beschränken. Wenn neue Technologien die Kommunikation und Kooperation zwischen unterschiedlichen Einrichtungen, ja sogar über verschiedene Länder hinweg ermöglichen und sie Bestandteil der Organisation von Bildungsprozessen sind, dann können wir mit den bisherigen Theorien allein nicht weiterkommen.

Ständige Weiterentwicklung
Die theoretische Entwicklung in jedem Bereich stellt eine ständige Herausforderung dar, deren Bewältigung mit dem Anspruch verbunden bleibt, die Frühpädagogik auf aktuellem theoretischem Niveau zu begründen. Diese ständige Auseinandersetzung um die Weiterentwicklung des theoretischen Rahmens, bietet eine zukunftsweisende Perspektive, die nicht auf ein im Voraus bekanntes Ergebnis und auf einen Zeitpunkt gerichtet ist, sondern einen permanenten Prozess mit offenem Ausgang darstellt. Solche Konstruktionen auf allen Ebenen zum Gegenstand wissenschaftlicher, politischer und praktischer Diskurse werden zu lassen, ist eine Vorgehensweise, die Zukunft nicht prognostiziert, sondern aktiv mitgestaltet. Darum muss es uns gehen!


Foto: Anna Grigorjeva / Shutterstock
 

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