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Veröffentlicht am 06.11.2016  Geschrieben von Redaktion

Miteinander reden – gemeinsam gestalten

Für Kinder, Eltern, Kita-Fach- und Lehrkräfte ist der Wechsel von der Kita in die Grundschule eine herausfordernde Zeit. Wie der Übergang ­gelingt, erklären die Meine Kita-Autorinnen Miriam Lotze und Meike Sauerhering.

Auf einen Blick

  • Der Wechsel von der Kita in die Schule fordert nicht nur das Kind, sondern auch Eltern und Pädagogen.
     
  • Der Übergangsprozess vollzieht sich auf drei ­Ebenen: der individuellen, der interaktionalen ­und der kontextualen.
     
  • Eine offene, vertrauensvolle Zusammenarbeit ­­aller Beteiligten hilft dem Kind, den Übergang ­gut zu meistern.


Der Übergang von der Kita in die Grundschule ist für Kinder eine bedeutsame Schnittstelle in ihrer Bildungsbiografie. Beim Wechsel in das schulische Bildungssystem durchlaufen sie einen Systemwechsel. Denn Kita und Schule sind getrennte Institutionen, die unterschiedlichen Logiken folgen, beispielsweise Freiwilligkeit versus Schulpflicht. Diese Unterschiede müssen von den Kindern im Übergangsprozess bewältigt werden. Die Psychologen Wilfried Griebel und Renate Niesel haben am Institut für Frühpädagogik in München den Transitionsansatz entwickelt. Dieser unterteilt die Phase des Übergangs in drei Ebenen:

Auf der individuellen Ebene haben Kind und Eltern die Aufgabe, sich in ihrer neuen Rolle als Schulkind und Schulkindeltern und den damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen einzufinden. Mit dem Übergang in das schulische Bildungssystem beginnt ein Identitätswechsel.

Auf der interaktionalen Ebene, der Beziehungsebene, sind Eltern und Kinder gefordert, Abschied von Erziehern und Kindern zu nehmen und neue Beziehungen zu Lehrkräften und Kindern in der Schulklasse zu knüpfen.

Auf kontextualer Ebene verändert sich das Umfeld der Kinder und Eltern durch den Orts- und Gebäudewechsel, der mit dem Übergang in die Schule einhergeht. Lernprozesse verlagern sich vom spielerischen zum curricularen Lernen. Veränderungen in der Familie, wie die zeitliche Umgestaltung des Alltags, sind weitere Entwicklungsaufgaben. Diese Herausforderungen müssen Eltern und Kinder meistern, was unterschiedlich lange dauern kann. Dies kann vom letzten Kindergartenjahr bis in das zweite Schuljahr hineinreichen.

Am Übergang Beteiligte

Der Transitionsansatz zeigt, welche Herausforderungen die Beteiligten im Verlauf des Übergangs bewältigen müssen. Er macht deutlich, dass nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern einen Übergang vollziehen. Die Kinder werden vom Kindergarten- zum Schulkind. Aber auch die Eltern werden von Kitakind- zu Schulkind-Eltern. Ihre Aufgaben verändern sich, während sie die Entwicklung ihres Kindes weiterhin begleiten und unterstützen. Ebenso sind Pädagogen in Kindertageseinrichtung und Schule Akteure beim Übergang. Sie vollziehen keinen Identitätswechsel, sondern begleiten den Übergang professionell als Moderatoren. Ihnen obliegt die Aufgabe, Kinder und Eltern individuell zu unterstützen, ihnen den Übergang zu erleichtern sowie Unterschiede der Institutionen für alle Beteiligten transparent zu machen. Voraussetzung dafür ist, dass die Akteure in Kita und Schule ein realistisches Bild von der Arbeit in der jeweils anderen Einrichtung haben und sich zuverlässig über die Ziele der Schulvorbereitung austauschen.
Der Wechsel in eine andere Bildungsinstitution ist eine Herausforderung, an der ein Kind wachsen kann. Gelingt der Start in die Grundschule, kann sich das positiv auf die gesamte Schullaufbahn auswirken. Fühlt sich ein Kind in der Zeit des Übergangs jedoch über- oder unterfordert, kann der Wechsel zwischen Kita und Schule zu einem belastenden Bruch werden. Schafft es ein Kind, gut mit den Veränderungen umzugehen und gelingt es den Moderatoren, ihm den Wechsel zu erleichtern, kann man von einem erfolgreichen Übergang sprechen.

Alle sind verantwortlich

Die Gestaltung des Übergangs und die Vorbereitung auf die Schule ist eine gemeinsame Aufgabe von Kindertagesstätte, Schule und Elternhaus. Auch die Herstellung von Schulfähigkeit wird inzwischen als Aufgabe für alle beteiligten Akteure betrachtet. Dies ist eine bedeutsame historische Entwicklung: Der Begriff der Schulreife wurde 1951 von dem Pädagogen Artur Kern geprägt. Dahinter steht die Vorstellung eines Reifemodells, dass sich alle Bereiche des kindlichen Entwicklungsprozesses gleichförmig und automatisiert nach einem „inneren Bauplan“ vollziehen. Das für alle Kinder gültige Einschulungsalter von sechs Jahren basiert auf dieser Vorstellung.

Heute ist unumstritten, dass die kindliche Entwicklung förderfähig ist. Kein Kind wird wohl mehr vom Schulbesuch zurückgestellt, und es wird darauf vertraut, dass es zum nächsten Einschulungstermin von alleine schulreif wird. Schulvorbereitungsprogramme und Aktionen, die den Übergang von der Kita in die Grundschule begleiten, sowie die Flexibilisierung des Anfangsunterrichts sind bundesweit verbreitet. Die Zusammenarbeit der Beteiligten in der Praxis fällt dennoch manchmal schwer. Vielfach fehlt es an gegenseitiger Anerkennung der Fachkompetenzen sowie an der realistischen Einschätzung des jeweils anderen Arbeitsfeldes. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Die pädagogische Arbeit und die Methoden in Kita und Grundschule sind durch unterschiedliche Traditionen geprägt. Die Einrichtungen haben meist ein unterschiedliches Bild vom Kind und verschiedene Vorstellungen von Lernen.

Den Übergang begleiten

Für Kinder und Eltern ist es eine wichtige Phase, wenn aus dem Kind im letzten Kindergartenjahr ein Schulkind wird. Die neue Rolle bringt Herausforderungen, aber auch Privilegien mit sich. Spezielle Angebote wie Schnuppertage, Vorlesepatenschaften mit Grundschülern, gemeinsame Feste und Elternabende dienen dazu, Kita-Kinder und Eltern mit Grundschülern und Lehrern zusammenzubringen. Das erleichtert den Übergang.

Neben diesen Einzelaktionen nehmen die Vorschulkinder üblicherweise in ihrem letzten Kindergartenjahr an Schulvorbereitungsprogrammen teil. Ziel ist es, spezifische Vorläuferfähigkeiten, wie beispielsweise schriftsprachliche und mathematische Fähigkeiten, zu schulen und die Kinder bei ihrem Identitätswechsel zu unterstützen. Die Programme sollen die Kinder an die veränderten Bildungsprozesse heranführen. Weniger verbreitet, aber ebenso bedeutsam, sind die sogenannten Rückmeldegespräche nach der Einschulung. Hierbei tauschen sich Lehr- und Kita-Fachkräfte darüber aus, wie der Übergang von den Kindern bewältigt wurde.


Austausch über das Kind

Schulfähigkeit erwirbt das Kind im Prozess des Übergangs. Erzieherinnen und Lehrkräfte unterstützen Kinder beim Ausbau ihrer Fähigkeiten. Sind Schulvorbereitung und der Anfangsunterricht aufeinander abgestimmt, erleichtert das den Kindern, sich in der neuen Situation zurechtzufinden.

Soll der Übergang nicht nur punktuell, sondern fortwährend über die Institutionsgrenzen hinweg unterstützt werden, muss ein Austausch über die Schulfähigkeitskriterien stattfinden. Besonders die Förderung des Selbstbewusstseins beziehungsweise der Selbstsicherheit eines Kindes hat sich empirisch als wichtiger Aspekt für einen gelungenen Start in die Schullaufbahn erwiesen.

Erzieher und Lehrkräfte unterscheiden sich in ihrem beruflichen Selbstverständnis. Während sich Kita-Fachkräfte als Entwicklungsbegleiter verstehen und am individuellen Entwicklungspotenzial der Kinder orientieren, stehen für Lehrkräfte Lernen und Leistung im Mittelpunkt. Das unterschiedliche professionelle Selbstverständnis kommt beispielsweise bei der Erhebung der Lernausgangslage zum Tragen. Manche Schulen und Kitas arbeiten zusammen und entwickeln gemeinsam Settings, um die Lernausgangslage der Kinder zu erheben. Gewinnbringend ist es, wenn alle Beteiligten vertrauensvoll zusammenarbeiten. So eröffnet sich ein vielschichtiger Blick auf das Kind. Zudem werden die Kinder durch die Anwesenheit der vertrauten Erzieher entlastet. Mancherorts haben sich gemeinsame Gespräche zwischen Erziehern, Lehrern und Eltern etabliert, in denen über die Ergebnisse der Lernstandstests gesprochen wird.

Die ausgetauschten Informationen sollen dabei zur individuellen Förderung des einzelnen Kindes dienen und nicht zu einer „Vorverurteilung“. Zum Beispiel kann ein Austausch zu individuellen Besonderheiten eines Kindes wie Hochbegabung, aber auch allgemeine Einschätzungen angebracht sein. Zu beachten sind die datenschutzrechtlichen Bestimmungen.
Ein „Übergangskoffer“, der das Portfolio des Kindes sowie Rituale, Spiele und Lieder enthält, die die Kinder durch den Alltag begleitet haben, kann dem Kind die Eingewöhnung in den Schulalltag erleichtern.

Gleich welche Maßnahmen den Übergang von der Kita in die Schule begleiten: Es ist gemeinsame Aufgabe von Erziehern, Grundschullehrern und Eltern, das Kind in seinem Übergangsprozess zu unterstützen. Sehen sich insbesondere Kita-Fach- und Lehrkräfte als Moderatoren des Übergangs und tauschen sich offen und vertrauensvoll miteinander über das Kind aus, erleichtert ihm das den Übergang. Das schafft eine gute Basis für ein erfolgreiches Schulleben.

Foto: Diego Cervo / shutterstock
 

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