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Für die Praxis › Forschen & Entdecken
Veröffentlicht am 03.11.2016  Geschrieben von Redaktion

Die Naturflüsterer

Selbst auf dem Feld stehen und ernten, Hühner beobachten und Mehl mahlen: Bei Tagesexkursionen auf Bauernhöfe lernen Schul- und Kitakinder die Herkunft und die Vielfalt von Nahrung kennen.
Es ist dieser eine Satz, über den sich Erlebnisbäuerin Marianne Lex freut: „Es ist so schön auf dem Bauernhof.“ Damit meinen die Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren den Besuch auf dem Biohof Lex. Der Hof liegt unweit von München. Es riecht dort nach frisch gemähtem Gras, hinter dem Bauernhof weiden Kamerunschafe. Es gibt einen Hofladen, zwei große Silospeicher, eine Mühle, das große Bauernwohnhaus und weitere Gebäude. In der Mitte stehen große, schattenspendende Bäume, darunter Bänke.

Heute warten die Kinder der 3. Klasse der Grundschule Aich bei München, bis der Tag auf dem Bauernhof endlich losgeht. Es ist neun Uhr morgens, eine dreiviertel Stunde Busfahrt liegt hinter ihnen. Sie sind zusammen mit ihren Lehrerinnen und zwei Müttern zum Biobauernhof Lex gefahren, um einen Tag zu erleben, wo die Nahrungsmittel herkommen und wie Getreide angebaut wird. „Wollen wir zuerst zu den Hühnern gehen?“, fragt Erlebnisbäuerin Marianne Lex, die in diesem Jahr ihre Erzieherausbildung abgeschlossen hat. „Dann lernt ihr auch alles über den Aufbau eines Eies und seht, wie sich gekochte von rohen Eiern ­unterscheiden.“

Schnell laufen die Kinder hinter das Wohnhaus des Bauernhofs zum Hühnerstall. Lex folgt ihnen mit bunten Eimern voller Hühnerfutter. Der Biohof hält hunderte Hühner, alle mit unterschiedlich farbigen Bändchen an den Hühnerfüßen. „Die sind dafür da, dass wir wissen, wie alt die Hühner sind. Alte Hühner dürfen bei uns ihren Ruhestand genießen“, erklärt Lex, während sie die Stalltür aufmacht. Die Hühner fangen zu gackern an. „Jeder von euch darf sie nun füttern“, meint sie. Jedes Kind will. Dann stellt sie die Eimer ab und bereitet die Rätsel vor. Die Aufgabenblätter mit verschiedenen Aufgaben sind laminiert. „Die Kinder sollen herausfinden, warum alte Eier schwimmen und wie der Aufbau der Eier ist“, erklärt Lex.

Dass die Kinder den Ausflug zum Bauernhof machen können, ermöglicht die Sarah Wiener Stiftung. Seit 2007 engagiert sich Köchin, Stiftungsgründerin und didacta Bildungsbotschafterin Sarah Wiener mit ihrer Stiftung „für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen“. Das Hoffahrten-Programm der Sarah Wiener Stiftung wird gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages im Rahmen des Bundesprogramms ­Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger ­Landwirtschaft.

Kern der Stiftungsarbeit ist die Förderung des Ernährungsbewusstseins und der Ernährungsbildung von Kindern. Laut des Bayerischen Bildungsplans für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung sollen sie einzelne Umwelt- und Naturvorgänge bewusst beobachten und daraus Fragen ableiten. Dadurch entwickeln die ­Kinder Verantwortungsbewusstsein für ­Umwelt und Natur und lernen, dass diese unersetzbar sind.
Bei der Sarah Wiener Stiftung, die sich dafür einsetzt, werden zudem sogenannte Genussbotschafter ausgebildet, die in den Kindergärten und Grundschulen mit den Kindern gesund und mit saisonalem und regionalem Essen kochen. „Mich berührt, dass immer mehr Kinder an ernährungsbedingten Krankheiten leiden oder noch nie eine selbstgekochte Mahlzeit gegessen haben. Denn in immer weniger Haushalten wird gekocht. So verlieren nachfolgende Generationen wichtige Kompetenzen im Bereich Ernährung. Mit unserem Bildungsprogramm möchte ich dem praktisch entgegenwirken“, so Wiener. Die Kinder können dann an den Hoffahrten – der Biohof Lex ist ein Partner der ­Stiftung – kostenlos teilnehmen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre werden 50 000 pädagogische Fach- und Lehrkräfte geschult. Dadurch werden rund 1,4 Millionen Kita-Kinder und Grundschüler erreicht.

Den Biohof Lex können seit über zehn Jahren die Kinder von Kita und Schule besuchen. Die Arbeit mit den Kindern sei für Erlebnisbäuerin Marianne Lex eine Herzensangelegenheit. Nicht nur, weil sie selbst Erzieherin ist, sondern den Kindern auch etwas auf den Weg mitgeben möchte. Kinder sollen bewusste Konsumenten werden. „Auf dem Bauernhof können sie die Grundlagen von natürlichem Verhalten erlernen“, sagt sie. Nach dem Hühner füttern und einem Eierlauf erforschen die Kinder, wie sie aus Getreide Mehl machen. Lea steht im Bioladen an dem Handflocker, der das Getreide quetscht. In die Tüte darunter fallen die frischen Haferflocken. Dahinter bestimmen Kinder die Getreidesorten.

Die Sarah Wiener Stiftung arbeitet mit derzeit rund 25 Bauernhöfen bundesweit zusammen. Das Netzwerk wächst, um noch mehr Kindern eine Hoffahrt zu ermöglichen. Aufgabe der Partnerhöfe ist es, den Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung sowie die Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Erzeugung und Verarbeitung anschaulich und begreifbar zu machen. Die Auswahl der Höfe orientiert sich neben den Bestimmungen der Förderrichtlinie des Bundeslandwirtschaftsministeriums vor allem am Profil der Höfe. Im Kern sind dies familiengeführte Betriebe, die die pädagogische Arbeit mit Kindern als Investition für die Zukunft sehen.

Nach einer kleinen Pause laufen sie zu den Kamerunschafen. „Nicht so laut, sonst erschreckt ihr die Kamerunschafe“, mahnt Lex. „Die Schafe haben wir nur als Streichelzoo“, sagt sie und lächelt. „Die lassen sich sogar von uns streicheln“, freuen sich die Kinder. Es ist eben einfach schön auf dem Bauern­hof.

Informationen zu den Weiterbildungsmöglichkeiten der Sarah Wiener Stiftung für Erzieherinnen und Erzieher: www.sw-stiftung.de

Foto: Brian A Jackson / shutterstock

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