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Für die Praxis › Sprache & Gemeinschaft
Veröffentlicht am 04.10.2016  Geschrieben von Redaktion

Das Kind hat Angst vor dem offenen Fenster! Tipps bei Verdacht auf Trauma - Teil 1

Flüchtlingskinder haben meist nur wenige Habseligkeiten aus ihrer Heimat mitnehmen können, dafür tragen sie seelisch und psychisch oft umso schwerer. Gemeinsam mit der Psychotherapeutin Anisa Saed-Yonan haben wir einige typische Situationen zusammengestellt, denen pädagogische Fach- und Lehrkräfte im Alltag begegnen können. Ein Vorschlag zur "Ersthilfe".

Flüchtlingskinder haben meist nur wenige Habseligkeiten aus ihrer Heimat mitnehmen können, dafür tragen sie seelisch und psychisch oft umso schwerer. Gemeinsam mit der Psychotherapeutin Anisa Saed-Yonan haben wir einige typische Situationen zusammengestellt, denen pädagogische Fach- und Lehrkräfte im Alltag begegnen können. Ein Vorschlag zur "Ersthilfe".

Menschen, die mit Kindern arbeiten, wissen: Der Einzelfall kann selten verallgemeinert werden. Umgekehrt treffen die folgenden Beobachtungen und Tipps natürlich nicht auf jeden Einzelfall zu, sie sollen eine Annäherung sein. Denn obwohl es nicht die Aufgabe der Pädagoginnen und Pädagogen sein kann, "echte" psychologische Symptome fachgerecht zu behandeln, müssen sie dennoch darauf reagieren.

Anisa Saed-Yonan berät in der Beratungsstelle des SOS-Kinderdorfs in Berlin Familien mit Migrationshintergrund, die meisten von ihnen haben Fluchterfahrung. Die Psychologin und Psychotherapeutin ist vor drei Jahrzehnten selbst aus Syrien nach Deutschland gekommen. Die folgenden Handlungsempfehlungen sind Beispiele aus ihrer praktischen Arbeit, die sich bewährt haben.

"Ein Kind ist aggressiv, es schlägt ansatzlos auf Dinge oder andere Kinder ein."

Anisa Saed-Yonan: Die meisten Verhaltensauffälligkeiten kommen nicht nur bei geflüchteten oder traumatisierten Kindern vor – allerdings bei ihnen sehr viel häufiger. Ist das Kind übermäßig aggressiv, muss ich es zunächst beruhigen. Das ist oft leichter gesagt als getan. Wenn ich es eine Weile beobachten konnte, weiß ich vielleicht, was gut funktioniert. Ich kann einschätzen, worauf es mit Interesse reagiert und zur Not vielleicht auch, wie ich seine aggressive Energie in etwas Positiveres "umleiten" kann. Das kann ein Spiel sein, aber auch einfach etwas, bei dem das Kind handeln, etwas mit seinen Fingern oder dem Körper machen kann.

In jedem Fall kann eine Umarmung viel Spannung lösen – sofern das Kind sie zulässt. Solange es so aufgeregt ist, sollte man versuchen möglichst ohne viele Worte zu arbeiten. Ganz wichtig: Ich sollte das Kind nicht auf sein Verhalten ansprechen bevor es sich beruhigt hat. Das bringt nichts, denn es ist jetzt nicht aufnahmefähig und es versteht in dem Moment ohnehin nicht, was ich von ihm will. Das kann sogar zu einer Abwärtsspirale führen, bei der das Kind aggressiver und ich immer ungeduldiger werde. Gerade, wenn das Kind noch wenig Deutsch spricht, ist es umso wichtiger eine ruhigere Gesprächssituation zu finden, in der wir kommunizieren und eine Abmachung treffen können.

"Das Kind zieht sich zurück, es versteckt sich oder spielt viel allein."

Anisa Saed-Yonan: Auch dieses Verhalten kommt nicht nur bei traumatisierten Kinder vor. Oft vermuten wir zunächst, dass das Kind kein Deutsch spricht und sich deswegen abkapselt. Das kann ein Teil der Antwort sein, aber das Kind kann auch schlicht Furcht vor Menschen haben, weil es Schreckliches erlebt hat, in diesem Fall meist mit Menschen. Wie meistens im Umgang mit Kindern und Erwachsenen, muss ich zunächst Vertrauen aufbauen. Bei zurückgezogenen Kindern gelingt das am besten im Einzelkontakt. Der ist im Kita- oder Schulalltag natürlich nicht immer leicht zu finden, kann sich dafür aber wirklich lohnen. Auch hier darf es zunächst ruhig non-verbal zugehen. Wir können zusammen malen oder spielen. Die sprachliche Entwicklung kann eigentlich erst beginnen, wenn das Kind wieder Beziehungen eingeht und sich wohl fühlt. Wenn das der Fall ist, lernen jüngere Kinder die Sprache aber oft beeindruckend schnell.

"Das Kind ist sehr anhänglich, es hängt buchstäblich an Mamas Rockzipfel."

Anisa Saed-Yonan: Die Situation hatte ich gerade erst bei einem schon 5-jährigen Jungen. Die meisten Kita-Erzieherinnen und –Erzieher kennen solche Szenen. Viele haben bereits einen Weg gefunden, damit umzugehen. Bei der Arbeit mit geflüchteten Kindern braucht es manchmal besonders viel Zeit und Geduld, weil die Umgebung für sie noch fremder ist als für Kinder, die zwar in der Kita erstmals von den Eltern getrennt, aber in Deutschland aufgewachsen sind. Noch schwerwiegender: Kinder, die mit ihren Eltern vor Krieg und Zerstörung geflüchtet sind, mussten erfahren, dass sie nur an der Seite ihrer Eltern bzw. ihres Vaters oder ihrer Mutter in Sicherheit sind. Das kann Eltern und Kind zusammen schweißen, es dem Kind aber auch schwerer machen, loszulassen. Umso wichtiger ist es, sich mit den Eltern zu verständigen und gemeinsam daran zu arbeiten. Wenn das Kind uns bei einem freundlichen Gespräch beobachtet, schöpft es vielleicht sogar schon erstes Vertrauen in die pädagogische Fachkraft.

Hunderttausende Menschen suchen zurzeit in Deutschland Zuflucht vor Krieg und Verfolgung. Darunter sind zahlreiche Kinder im Kita- und Grundschulalter, die oftmals eine ganz besondere Zuwendung benötigen – und ebenso brauchen die pädagogischen Fach- und Lehrkräfte in den Bildungseinrichtungen Unterstützung, um mit den neuen Herausforderungen bestmöglich umgehen zu können. Mit dem Service-Portal Integration möchte die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" einen Beitrag leisten, um den Mädchen und Jungen ein rasches und erfolgreiches Ankommen in Ihrer Einrichtung zu ermöglichen.

Foto: Anisa Saed-Yonan



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