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Für die Praxis › Sprache & Gemeinschaft
Veröffentlicht am 08.09.2016  Geschrieben von Diana Schick

Philosophieren in der Kita

Kinder staunen regelmäßig über Dinge, die für uns alltäglich sind. Dabei stellen sie oft Fragen, die nicht in ein paar Sätzen beantwortet werden können. Das gemeinsame Philosophieren in der Kita hilft Kindern, sich manches bewusst zu werden.
Das Ritual ist bekannt: Jede Woche versammeln sich die „Wackelzahnkinder“ – also alle Vorschulkinder der Kindertagesstätte BMW FIZ Strolche – vor dem Philosophierraum.
 
Die Erzieherinnen Raphaela Zwießler und Katrin Fischer haben ein Buch mitgebracht. Ein gruseliges Buch, es heißt „Immer diese Monster“. Zwei Wackelzahnkinder möchten nicht mitphilosophieren, alle anderen folgen den beiden Erzieherinnen in den Raum und setzen sich auf Kissen in einen Kreis.
 
Bereits seit 10 Jahren wird bei den BMW FIZ Strolchen in München philosophiert. Gerade am Anfang hat das Team unter der Leitung von Margit Knapp vieles ausprobiert:
Wo und wann soll das Gespräch stattfinden? An wen wendet sich das Angebot? Soll das Ganze freiwillig oder verpflichtend sein? Margit Knapp und ihr Team haben sich für die Freiwilligkeit entschieden. „Wenn ich vom freien Geist rede, dann kann ich nicht sagen: ‚Jetzt denkst du über Gott nach, jetzt denkst du über Gerechtigkeit nach. Ich glaube, dass nur die Kinder, die freiwillig kommen, sich dem Ganzen gegenüber auch wirklich öffnen“, sagt Knapp.
 
Am Anfang des Kindergartenjahres ist die Philosophiestunde verpflichtend, die Kinder sollen das Konzept kennenlernen. Danach können die Kinder jedes Mal entscheiden, ob sie mitmachen möchten oder nicht. Meistens machen alle mit.
 
Erzieherin Raphaela Zwießler erinnert sich: „Am Anfang haben wir uns gedacht, wir philosophieren, wenn es passt. Aber es passte nie. Dann haben wir gesagt, wir machen es am Nachmittag. Unsere Kinder hatten bald keine Lust mehr, weil sie wussten, die anderen Kinder dürfen draußen spielen und sie ‚müssen‘ drinnen philosophieren.“
 
Mittlerweile philosophieren die Vorschulkinder in der Mittagszeit und kommen so auch zur Ruhe. Heute geht es um Monster, also um das Thema Angst. Die kennt die kleine Svenja aus dem Buch „Immer diese Monster“ nicht. Zumindest nicht, so lange es um irgendwelche Monster geht, die versuchen, ihr einen Schrecken einzujagen. Raphaela Zwießler liest das Bilderbuch vor, das Ende wird allerdings noch nicht verraten. Dann stellt sie die erste Frage:
 
Zwießler: „Warum gibt es Angst? Was meint ihr?“
Max: „Angst gibt es, weil die Leute wissen, dass es auf der Welt gefährliche Sachen gibt, und vor denen fürchtet man sich.“
Lea: „Weil die Menschen wissen ja nicht, dass das manchmal ganz natürliche Dinge sein können.“
Zwießler: „Und deswegen, wenn die sich nicht sicher sind, haben die erst mal Angst, oder?
Wer hat noch eine Idee? Warum gibt es überhaupt Angst?“
Olivia: „Ich glaube, dass die Menschen wissen, dass es in der Welt Angst gibt und da fürchten sie sich manchmal oder schreien ganz laut oder laufen weg oder verstecken sich und dann kommt eine gruselige Sache und dann erschrecken sie sich. Und dann erschrecken sie sich nochmal, wenn es nochmal kommt.“
Zwießler: „Man erschrickt sich dann immer wieder?“
Olivia: „Ja.“
Zwießler: „Und, haben alle Menschen Angst?“
Anton: „Ne.“
Zwießler: „Wer hat keine Angst?“
Anton: „Leute, die keine Angst kennen.“
Zwießler: „Ah, wo gibt es die?“
Anton: „Weiß ich nicht.“
Max: „Ich weiß Leute, die keine Angst haben.“
Zwießler: „Wer hat keine Angst?“
Max: „Nachtwächter, weil die stehen ja da immer in der Nacht rum.“
Zwießler: „Warum haben die keine?“
Max: „Weil die rennen ja nicht weg.“
 
So beginnt das philosophische Gespräch unter den Vorschulkindern zum Thema Angst. Erzieherin Zwießler hakt bei Verständnisschwierigkeiten nach, fragt nach Beispielen und Gründen oder beleuchtet neue Perspektiven: Wie stellt man es an, dass man keine Angst mehr hat? Was wäre, wenn es ab morgen keine Angst mehr gäbe?
 
Mit ihrer eigenen Meinung hält sie sich jedoch zurück und liefert selbst keine Antworten. Das übernehmen beim Philosophieren die Kinder. Was aber auch bedeutet, dass man die Einheiten nicht hundertprozentig vorbereiten kann. Vielmehr geht es darum, sich den Kindern anzuvertrauen und sich ganz auf deren Weg einzulassen.
 
Anfangs eine Umstellung, erzählt Raphaela Zwießler: „In der Ausbildung lernst du, wenn du ein Angebot machst, dann gibt es Einleitung, Hauptteil und Schluss. Du bist diejenige, die weiß, wie es geht und erarbeitest mit den Kindern die eine richtige Antwort auf eine Frage.
Beim Philosophieren geht das nicht, das ist ganz oft Freestyle – man weiß ja nicht, was von den Kindern an Antworten kommen.“ Das ist ein Grund, warum Raphaela und Kathrin zu zweit sind. Während Zwießler das Gespräch leitet, schreibt ihre Kollegin mit und gibt ihr hinterher ein kurzes Feedback: Wo hätte sie nochmal nachfragen können, anstatt die Richtung zu ändern, um das Gespräch mehr in die Tiefe zu führen? An welcher Stelle ist sie gut mit den Gedanken der Kinder mitgegangen, wo hätte es mehr Zurückhaltung gebraucht?
 
Angst ist nur eines der Themen, die bei den FIZ Strolchen bereits philosophiert wurde, und viele stehen noch aus. In einem Einmachglas sammeln die Erzieherinnen die Fragen der Kinder: Woher kommt das Weltall? Warum läuft die Zeit nicht rückwärts? Warum gibt es Menschen? Was ist das Nichts? Warum gibt es Steine? Es gibt nichts, worüber die Erzieherinnen nicht mit den Kindern philosophieren. Mit einer Ausnahme: „Wir stellen nicht Gott in Frage. Wenn die Kinder selbst darüber sprechen, dann ja, aber wir machen es nicht zum Thema. Auch um den Kindern nicht diese Sicherheit zu nehmen.“
 
Am Ende jeder Einheit gibt es eine kurze Reflexion des Gesprächs mit den Kindern. Beim Philosophieren geht es nicht nur um das eigenständige Denken, sondern auch darum, eine gemeinsame Gesprächskultur zu entwickeln: Hat euch die gruselige Monstergeschichte heute gefallen? Habt ihr denn alle gut zugehört heute? Die Kinder strecken ihre Daumen aus – nach oben, nach unten, zur Seite. Anna und Max ergänzen: Konntet ihr alle heute gut sitzen? Wart ihr auch alle schön ruhig?
 
Margit Knapp und ihr Team wollen das Philosophieren nicht mehr hergeben: „Wir bemerken erstaunliche Entwicklungen bei unseren Kindern. Die Gesprächskultur entwickelt sich weiter und die Kinder führen tatsächliche Dialoge miteinander: Sie hören einander zu und antworten konkret auf Fragen, Ideen oder Gedanken der anderen Kinder. Durch diesen respektvollen Umgang wächst das Selbstbewusstsein und auch der Wortschatz und die Sprachgewandtheit werden größer.“
 
Was laut Margit Knapp übrigens für alle Kinder gilt, nicht nur für deutschsprachige, da beim Philosophieren jeder seinen Platz finde und sich nach seinen Möglichkeiten ausdrücken könne. Und was bringt das Philosophieren den Pädagogen? „Ich würde mir wünschen, dass jeder philosophiert, weil man nochmal so einen anderen Blickwinkel bekommt auf die Kinder. Die schenken einem damit ehrlich etwas, wenn sie uns ihre Gedanken mitteilen.“, erzählt Raphaela Zwießler. Und Katrin Fischer ergänzt: „Oft passiert es auch, dass wir die Gedanken der Kinder, aber auch unsere eigenen, mit nach Hause nehmen oder wir beide dann nochmal weiter philosophieren und über das Thema nachdenken.

Die BMW FIZ Strolche haben 2006 am Pilotprojekt „Kinder philosophieren“ in Bayern teilgenommen. Die daraus entstandene Akademie Kinder philosophieren bietet seither Fortbildungen in philosophischer Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen an.
 
Das Projekt „Kleine Köpfe, große Gedanken“ bietet pädagogischen Fachkräften
Fortbildungen zur Einführung und Weiterentwicklung des Philosophierens als Bildungs- und
Erziehungsprinz an. Aktuell können sich noch Teams von Kindertageseinrichtungen in München, Berlin und Frankfurt bewerben, die Interesse an der vierteiligen Zusatzausbildung haben. Die Kosten werden von der 4C FOOTSTEPS Stiftung getragen. Weitere Informationen zum Projekt und zur Ausbildung unter www.kinder-philosophieren.de

Das Thema der Woche ist Philosophie. Diese Woche könnt ihr auf weitere Praxistipps und Philosophiespiele freuen.

Foto: BMW FIZ Strolche



 

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