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Für die Praxis › Sprache & Gemeinschaft
Veröffentlicht am 16.08.2016  Geschrieben von Wilma Schönauer-Schneider

Ein Kind, mehr Sprachen

Bilingualer Spracherwerb – ein Kinderspiel? Sprachheillehrerin Wilma Schönauer-Schneider erklärt, wie Kinder dabei unterstützt werden können.
„Mama, büllaballa haben“, bittet die zweijährige Eva ihre Mutter. Die Mutter weiß, was Eva möchte und gibt ihr Gummibärchen. Für viele Kinder ist der Sprach­erwerb, auch von mehreren Sprachen, ein Kinderspiel und verläuft problemlos in vielen Zwischenschritten –  beispielsweise über die vereinfachte Form „büllaballa“ für Gummibärchen. Sprache ist eine angeborene Fähigkeit. Kinder imitieren Wörter und Sätze, leiten Regeln ab und sind kreativ. Aber ohne Liebe, Akzeptanz und sprachliche Anregungen durch die Eltern und Betreuungspersonen wie Tagesmütter und Erzieherinnen können sie diese Fähigkeiten nicht nutzen.

Wie verläuft der Spracherwerb?

Zu Beginn kommunizieren Babys und Bezugspersonen vielfach über Körpersprache – Tonlage, Stimmausdruck der Mutter beziehungsweise Schrei- und Blickverhalten, Bewegungen des Säuglings – und erst allmählich über die Sprache. Wachsen Kinder mit mehreren Sprachen auf, so verläuft die Sprachentwicklung wie bei einsprachigen Kindern, in den ersten Lebensjahren jedoch meist etwas langsamer.


1. Lebensjahr:
Das Kind nimmt Sprache wahr, spielt mit der Stimme und lallt
Bereits Neugeborene zeigen ein großes Interesse an der menschlichen Stimme. Seine Bedürfnisse drückt es durch Schreien aus. Bezugspersonen benennen häufig diese Bedürfnisse – „Oh, du hast Hunger“. Zusätzlich beginnt das Kind mit seiner Stimme zu spielen: Es gurrt, juchzt oder quietscht. Ab etwa sechs Monaten beginnt das Kind, die Bedeutung bestimmter Wörter zu verstehen und reagiert mit Blicken oder Gesten: „Wo ist der Ball?“ – das Kind blickt zum Ball, „Auf Wiedersehen“ – es winkt. Auch äußert das Kind immer mehr Lautketten (Lallen), mit acht bis zehn Monaten häufig als Silbenverdoppelungen, zum Beispiel „ga-ga-ga“, „ba-ba-ba“.

Förderung
  • Eine Kind-gerichtete-Sprache (Babysprache) verwenden: langsamer, höher und mit vielen Vokalen, Wiederholungen, Übertreibungen, Verniedlichungen („Jäckchen, Höschen“) und Ausrufen wie „Ohhh, Ahhh!“
  • Mehrsprachiger Erwerb nach dem Grundsatz „one person – one language“, das heißt, jede Bezugsperson spricht immer nur eine Sprache
  • Blickkontakt, anerkennender Körperkontakt, freundlicher Umgangston  
  • In Alltagssituationen Handlungen in der jeweiligen Sprache kommentieren, beispielsweise beim Waschen: „Jetzt waschen wir das Bäuchlein und den Arm und das Händchen …“
  • Lieder und rhythmische Verse, Spiele mit Gesten wie „Hoppe, Hoppe, Reiter“, Handpuppen
  • Gelegenheit zum Lauschen geben, beispielsweise eine Spieluhr


2. Lebensjahr:
Nach den ersten Wörtern „explodiert“ der Wortschatz

Die Kinder verstehen bereits viele Begriffe und einfache Aufträge (zum Beispiel „Gib mir den Löffel“ – „Give me the spoon!“) in den verschiedenen Sprachen. Insbesondere der trianguläre Blickkontakt hat eine große Bedeutung für den Wortschatzerwerb: Ich (Kind) – Du (Bezugsperson) – Gegenstand (Ball): Das Kind greift zum Ball, blickt zur Bezugsperson und erwartet eine Reaktion: „Oh, du hast den Ball“. In diesem Alter sprechen die meisten Kinder ihre ersten Wörter wie „Mama“, „Papa“. Das Kind weiß jetzt, dass jedes Ding einen Namen hat und fragt häufig: „Was ist das?“ oder verkürzt „Das?“ und zeigt auf Dinge. Viele Begriffe dehnt das Kind dabei aus, beispielsweise „brrm“ (Auto) für alles, was Räder hat oder engt sie ein, das heißt nur für das eigene Familienauto. Auch ist die Aussprache sehr vereinfacht, zum Beispiel „nane“ für Banane, „mimi“ für Milch. Sie äußern Zwei- bis Drei-Wortsätze in den verschiedenen Sprachen, oftmals wie in einem Telegramm nur die wichtigsten Wörter: „Mama Milch“. Dabei kann es bei mehrsprachigen Kindern zu Sprachmischungen kommen: Wenn sie ein Wort in einer Sprache nicht kennen, beispielsweise „no Milch“.

Förderung:
  • Sprachliche Rituale: Guckuck-Spiele, Fingerspiele wie „Zehn kleine Zappelmänner“
  • Gegenstände und Handlungen sprachlich benennen und Lernen mit allen Sinnen ermöglichen, um den Wortschatzerwerb zu fördern, beispielsweise „Die Zitrone ist aber sauer!“  
  • Ratespiele mit Klappbilderbüchern „Wer ist denn da hinter dem Zaun?“
  • Modellieren: Sprache in der Erwachsenenform anbieten; bei: „Wauwau“ - „Ja, der macht wauwau – das ist ein Hund.“
  • Mehrsprachigkeit: positive Wertschätzung von allen Sprachen des Kindes


3. Lebensjahr:
Das Kind bildet die ersten Sätze

Das Kind versteht nun längere Sätze und kann auch einfache Sätze sprechen. Das Verb steht dabei meist am Ende und ist nicht gebeugt: „Tom Hunger haben“. Gegen Ende des dritten Lebensjahres bilden Kinder normalerweise einfache Hauptsätze richtig und verwenden „Ich“ sowie Fragewörter wie „Wo/Warum?“. Der Wortschatz wächst weiter an und die Kinder erschaffen neue Wörter, zum Beispiel „Brieffrau“ für Briefträgerin, beziehungsweise mischen bei mehrsprachigem Erwerb teilweise die Sprachen.

Förderung (vor allem Grammatik):
  • Zuhören und das Kind aussprechen lassen
  • Sprachvorbild sein: vollständige und klare Äußerungen, die das Kind verstehen kann; alltägliche Begebenheiten und Situationen in Sprache fassen, beschreiben, erklären – jedoch nicht mit Worten erdrücken
  • Zum Sprechen anregen: offene Fragen wie W-Fragen: „Wo, Wie …?“
  • anstelle von Ja/Nein-Fragen oder rigidem Abfragen in Form von „Was ist das?“; auf kindliche Antworten interessiert nachfragen, zum Beispiel „Wie kommst du darauf?“
  • Rituale nutzen: Lieder, Reime, Klatschspiele
  • Kindliche Aussagen modellieren: Auf das eingehen, was das Kind inhaltlich sagen möchte und die noch falsche Form „beiläufig“ verbessern, zum Beispiel durch verständnissichernde Rückfragen (Kind: „Gaga“ – „Du willst den Bagger?“)
  • Dialogisches Bilderbuchlesen: anstelle von klassischem Vorlesen das Kind durch Fragen und Impulse zu Äußerungen zum Fortgang einer Geschichte anregen („Was meinst du, wie die Geschichte weitergeht?“) oder ab dem dritten Lebensjahr Sätze durch das Kind vervollständigen lassen („Der Elefant hat einen langen …?“).
 

Vorteile durch Mehrsprachigkeit

In einem Experiment hat 2015 Psychologin Katherine Kinzler an der Universität in Chicago herausgefunden, dass sich mehrsprachige Kinder besser in andere hineinversetzen können. Dabei baten Erwachsene ein gegenübersitzendes Kind darum, ihnen das kleinste von drei Spielzeugautos zu geben, die auf dem Tisch vor ihnen lagen. Das kleinste Auto war jedoch nur aus der Perspektive des Kindes zu sehen, nicht aus der des Erwachsenen. Mehrsprachig aufwachsende Kinder konnten sich dabei häufiger in die Perspektive ihres Gegenübers hineindenken und gaben dem Erwachsenen das mittelgroße Auto, das aus seiner Sicht das kleinste war.

Foto: Olga Bogatyrenko / shutterstock

 

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