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Für die Praxis › Forschen & Entdecken
Veröffentlicht am 10.08.2016  Geschrieben von Redaktion

Dem Regenwurm auf der Spur

Ein paar Kinder finden im Garten der Kita Regenwürmer und beginnen, diese zu sammeln. Aufgrund des wachsenden Interesses und der Neugier der Kinder, nutzen die Erzieherinnen die Gelegenheit und starten ein „Regenwurm-Projekt“.
Zunächst wird ein Themenbereich abgegrenzt und formuliert, welches Ziel das Projekt verfolgen soll. Maßgeblich ist dabei der Lernaspekt: Was sollen die Kinder durch die Projektarbeit lernen?
In einer Besprechung legen die Erzieherinnen den Themenschwerpunkt „Regenwürmer und ihr Lebensraum“ fest und formulieren folgende Ziele:
  • Die Kinder sollen ein Wissen darüber erwerben, warum Regenwürmer für das Ökosystem wichtig sind: Regenwürmer lockern die Erde auf und produzieren Humus, so dass die Erde für uns Menschen fruchtbar wird, zum Beispiel um ein Gemüsebeet anzulegen.
  • Die Kinder sollen erfahren, was Regenwürmer zum Leben brauchen: Nahrung, Sauerstoff, Wasser etc.

Zur Erreichung dieser Ziele werden unterschiedliche „Subprojekte“ durchgeführt. Einige Kinder informieren sich – mit Unterstützung ihrer Eltern – mittels Büchern oder auch mithilfe des Internets über den Nutzen von Regenwürmern. Andere Kinder besuchen eine Gärtnerei und erfahren über „Expertenbefragungen“, warum Regenwürmer für den Anbau von Gemüse wichtig sind. Weitere Kinder sammeln Regenwürmer, beobachten sie in einem Terrarium und geben ihnen verschiedene Nahrungsmittel. Andere Kinder wiederum setzen Regenwürmer an verschiedenen Stellen, wie beispielsweise im Gras, auf dem Komposthaufen, im Sand oder auf Erde aus und verfolgen das Verhalten der Tiere.

Nach einiger Zeit finden sich die einzelnen „Subgruppen“ zu einem gemeinsamen Treffen zusammen und tauschen ihre Erkenntnisse aus. Dabei erfahren die Kinder beispielsweise, dass Regenwürmer...
  • kleine Ackerbauern sind, die metertief den Boden durchgraben.
  • ihr ganzes Leben lang organische Abfälle in sich hinein stopfen und am anderen Ende wieder ausscheiden, wodurch ein fruchtbarer Humusboden entsteht, der für den Gemüseanbau besonders geeignet ist.
  • die Ausscheidungen von Regenwürmern besondere Nährstoffe enthalten.
  • für eine gute Durchlüftung des Bodens sorgen und durch den Bau ihrer Gänge sich das Regenwasser besser verteilen kann.
  • so heißen, weil sie bei starken Regengüssen an die Erdoberfläche geschwemmt werden.
  • zum Leben Sauerstoff benötigen und sich von Erde, abgefallenen Blättern, abgestoßenen Wurzelstückchen und ähnlichen Stoffen ernähren. Feuchte Wärme mögen sie besonders, Sonneneinstrahlung hingegen kann für sie tödlich sein.

Wichtig ist bei dem Projekt, dass die Kinder ein Verständnis für den gesamten Zusammenhang erwerben können. Die Kinder sollen durch das Projekt erfahren…
  • wie der Regenwurm in das gesamte natürliche System eingebunden ist und
  • welche Rolle das Tier in der ökologischen Kette spielt.

Darüber hinaus sollen die Kinder lernen, wie der Entwicklungsverlauf eines Regenwurms oder auch anderer Lebewesen aus derselben natürlichen Umgebung ist. So erhalten die Kinder ein Gesamtbild über Regenwürmer und können den Zusammenhang zu ihrer eigenen Lebenswelt sowie des gesamten evolutionären Verlaufs verstehen.
 
Die Erzieherinnen besprechen nun in der Gesamtgruppe, wie die Regenwürmer in ein gesamtes Ökosystem eingebunden sind. Dabei verknüpfen sie die einzelnen Informationen zu einem umfassenden Wissen. Mit dem bildhaften Vergleich eines Puzzlespiels bringen sie diesen Lernprozess den Kindern näher: Sie malen auf ein Plakat die einzelnen Bausteine und verbinden diese entsprechend mit Linien, so dass eine Art Netzwerk entsteht.

Die Kinder lernen dadurch folgende komplexe Zusammenhänge:
  • Regenwürmer sind ein unersetzliches Glied im Ökosystem Erde, da sie den Garten „gesund“ halten. Werden sie beispielsweise durch Giftspritzungen vertrieben, stellt das auch einen Einschnitt in den gesamten Lebensraum dar.
  • Regenwürmer produzieren Humus, der nützlich für Pflanzenwachstum ist. Wie wird der Humus produziert? Wie verläuft der Kreislauf von Nahrungsaufnahme und -ausscheiden? Was benötigen Pflanzen und Gemüse darüber hinaus, um zu gedeihen?
  • In einem Hektar Gartenboden leben teilweise 80 000 bis 130 000 Regenwürmer. Unter der Erde leben noch weitere unzählige Helfer. Der Regenwurm stellt jedoch den Größten unter ihnen dar.
  • Neben den Regenwürmern als natürliche Helfer gibt es im Garten auch Pflanzen, die zum Beispiel Schädlinge abwehren können. Wie heißen diese? Wie sehen sie aus? Wie müssen sie eingepflanzt werden?
  • Junge Regenwürmer schlüpfen aus Eiern, die unter der Erde abgelegt werden.
  • Es gibt verschiedene Arten von Regenwürmern. In unseren Breitengraden sind vor allem zwei Gruppen bedeutend: die Kompostwürmer und die Ackerwürmer.
  • Durch die Vermittlung des komplexen Systems können noch weitere Fragen bei den Kindern auftauchen, die auch zur Durchführung neuer Projekte führen können.
 
Zum Abschluss folgt die Reflexionsphase. Hier ist es wichtig, dass den Kindern bewusst wird, was sie gelernt und auf welche Weise sie dieses Wissen erworben haben. Neben Gesprächen kann der Lernprozess insbesondere durch eine Dokumentation festgehalten werden, die nicht nur den Kindern ermöglicht, ihre Erfahrungen festzuhalten, sondern auch die Fachkräfte dazu anregt, über ihre Projektarbeit nachzudenken. Darüber hinaus erhalten die Eltern somit Gelegenheit, den Projektverlauf nachvollziehen zu können.
Die Erzieherinnen fanden sich mit den Kindern zu einem Stuhlkreis ein und fragten sie danach, was sie in dem „Regenwurm-Projekt“ Neues gelernt und erfahren haben. Nachdem sich die Kinder austauschen konnten, wurden die verschiedenen Zusammenhänge noch einmal deutlich hervorgehoben und die vorab festgelegten Lernziele nochmals wiederholt:

Regenwürmer sind ein wichtiger Bestandteil des gesamten Ökosystems Erde;
  • Die „Arbeit“ der Regenwürmer macht deutlich, wie der biologische Kreislauf (Aufnahme, Umwandlung, Ausscheiden) funktioniert.
  • Regenwürmer machen den Boden fruchtbar, so dass wir Menschen Gemüse anbauen können.
  • Regenwürmer brauchen Sauerstoff, Wasser und organische Nahrung zum Leben; sie sterben bei direkter Sonneneinstrahlung.
 
Durch die Dokumentation des Projekts werden der Lernprozess sowie die Ergebnisse sichtbar:
  • Auf einer Zeittafel wird der Projektverlauf sichtbar: was wurde wann auf welche Weise gelernt? Welche Ergebnisse kamen dabei heraus?
  • In einer Fotoausstellung zeigen die Kinder die verschiedenen Stadien ihrer Untersuchungen.
  • In Zeichnungen halten sie ihre Experimente und Erfahrungen fest.
  • Die Erzieherinnen beschriften gemeinsam mit den Kindern Plakate zum Projekt; zum Beispiel werden das Ökosystem Erde und der biologische Kreislauf dadurch erklärt.
  • Das Terrarium mit den Regenwürmern sowie deren grundlegende Nahrungsmittel werden ausgestellt.

Die Beendigung des Projekts kann durch ein Ritual markiert werden: So wäre beispielsweise ein „Regenwurm-Abschlussfest“ eine gute Gelegenheit, um die Dokumentation in Form einer Ausstellung Eltern, Verwandten und Freunden zu präsentieren.


Illustrationen: ARaspopova, Iva Villi, Catherinecml, Rimma Zaynagova, A-R-T / Shutterstock; Emil Möller

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