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Veröffentlicht am 26.07.2016  Geschrieben von Corinna Vogel

Tanzen in der Elementaren Musikpädagogik

Der Inhaltsbereich Bewegung/Tanz sollte in allen Themen und jeder Stunde der EMP (Elementarer Musikpädagogik) berücksichtigt werden – sei es als Ritual oder als eigenständiger Inhalt. Dies ist sinnvoll und notwendig, da Kinder sich gerne bewegen und Musik durch Bewegung erlebt, erfahren, verstanden und analysiert werden kann. Über Bewegung/Tanz kann der methodische Dreischritt „Erleben, Erkennen, Benennen“ in hervorragender Weise realisiert werden. Darüber hinaus bildet Tanz als Kunstform einen eigenen künstlerischen Ausdrucks- und Gestaltungsbereich.
Folgende Definition von Tanz bietet sich an: Eine Bewegung kann als Tanz bezeichnet werden, wenn die Bewegung bewusst ausgeführt, gestaltet und mitgedacht ist und/oder wenn durch die Bewegung etwas ausgedrückt wird oder dargestellt werden soll, wie z. B. ein Gefühl, eine Situation, ein Wesen, ein Tier. Tanz ist somit gekennzeichnet durch eine bewusst ausgeführte Bewegung und den dadurch entstehenden individuellen Bewegungsausdruck.

Diese Definition entspricht dem zeitgenössischen Tanzbegriff, der für die EMP übernommen werden kann: „Um (…) von Tanz sprechen zu können, muß ein Formungsprozeß gegeben sein, der die bewusste Gestaltung der drei Grundparameter Körper, Raum und Zeit umfaßt.“

Das Tanzen in der EMP integriert Ansätze der Rhythmik und der Tanztherapie sowie Erkenntnisse der Alexandertechnik und anderer Körperarbeitstechniken. Es beschränkt sich weder auf eine festgelegte Tanzform noch auf eine bestimmte Tanztechnik oder eine tänzerische bzw. musikalische Stilistik. Bewegung und Tanz wird in der EMP nicht als Mittel zum Zweck, sondern als eigene Ausdrucksform gesehen und dementsprechend eingesetzt. Ganz gleich, ob Tonhöhen in Bewegung umgesetzt werden oder eine komplexe Tanzgestaltung erarbeitet wird: Die Bewegung wird immer bewusst ausgeführt, also gestaltet, und niemals irgendwie vollzogen. Die Bewegung folgt einer musikalischen Struktur oder einer gestalterischen Idee.

Auch wenn Bewegung als Ventil und zum Ausgleich nach einer langen konzentrierten Phase oder bei zunehmender Unruhe eingesetzt wird, muss es einen Zusammenhang zum Stundenthema geben oder eine tänzerische Idee zugrunde liegen. Es ist außerdem möglich, einen bekannten Tanz als Ritual oder spontan als Bewegungsphase in die Stunde zu integrieren.

Mögliche Formen von Tanz in der EMP:

a) Kinder- und Folkloretänze werden nach Vorgabe erlernt und ausgeführt.
b) Vorgegebene Tanzschritte und Bewegungsabfolgen werden variiert.
c) Aus den Ideen und Improvisationen der Kinder zu einem Musikstück oder Thema wird eine wiederholbare Tanzgestaltung entwickelt.

Die Erarbeitung der Tanzformen kann entsprechend der Tänze auf verschiedene Weisen erfolgen:
a) Vor- und Nachmachen
Die Lehrperson macht eine Bewegung, eine Schrittfolge oder einen Tanzablauf vor, der von den Kindern übernommen und nachgetanzt wird. Wird der Tanz von einer Spielidee getragen, wird diese zunächst erläutert und anschließend umgesetzt. Der Ablauf wird so oft wiederholt, bis er von allen Kindern ausgeführt werden kann. Anschließend wird der nächste Tanzabschnitt vor- und nachgemacht. Die Tanzabschnitte richten sich nach sinnvollen tänzerischen und musikalischen Einheiten und werden nach und nach zusammengesetzt, bis der gesamte Tanzablauf gekonnt ist. Übephasen zum rhythmischen Sprechen wechseln sich ab mit Übesequenzen zur Musik.

Auch Tänze, die durch Vor- und Nachmachen erlernt wurden, sollten von den Kindern als geistiges Eigentum erlebt und entsprechend selbstständig und mit persönlichem Bewegungsausdruck ausgeführt werden.

b) Variation
Die vorgegebene Schrittfolge – oder der Tanzablauf – wird von den Kindern in Einzel- oder Kleingruppenarbeit verändert. Veränderungen sind z. B. möglich in der Raumform (rückwärts statt vorwärts) oder der Schrittanzahl (doppelte Schrittanzahl im doppelten Tempo). Eine Klatschabfolge wird zu viert statt zu zweit ausgeführt, statt in Tanzrichtung werden Schritte in den Kreis und wieder heraus ausgeführt, einzelne Teile werden neu gestaltet usw.

c) Improvisation
Die Kinder improvisieren zu einem assoziativen Thema (ein Gefühl, eine Szene, ein Bild, ein Tier) oder zu einem abstrakten Thema (Sitzpositionen, Fortbewegungsarten, Kontraste) nach Anleitung allein, in Kleingruppen oder in der Großgruppe. Aus den Ideen wird ein wiederholbarer Ablauf gestaltet, in dem die Ideen der Kinder der Struktur der Musik folgend in einen Ablauf gebracht und geübt werden.

Anfang und Ende der Tanzaktion werden analog zur erklingenden Musik bewusst gestaltet. Dies ist bereits bei dreijährigen Kindern möglich durch einen eindeutigen Beginn der Bewegung (z. B. wenn die Trommel einsetzt, nach dem Vorspiel, wenn die Musik plötzlich schneller wird). Ebenso wird das Ende der Musik durch ein bewusstes Stoppen der Bewegung umgesetzt.

Tanzimprovisationen als Unterrichtsinhalt

Das bewusste Erleben und eigenständige Ausführen von Improvisationsideen und selbst entwickelten Tanzabfolgen ist wesentlicher Bestandteil der Arbeit in der EMP. Möglichst oft sollen Ideen und Variationsmöglichkeiten durch die Kinder selbst initiiert und integriert werden. Diese Improvisationen können zu unterschiedlichen musikalischen Stilen ausgeführt werden, benötigen jedoch IMMER einen Rahmen, eine zugrunde liegende Idee und eine Struktur im Ablauf. Je offener die Improvisationsaufgabe ist, desto wichtiger wird die Struktur, die von der Musik oder von der Bewegungsidee vorgegeben wird. Tanzgestaltungen entstehen durch die Strukturierung der Improvisations- und Bewegungsideen der Kinder.

Tanzimprovisationen können ausgehend von den Ansätzen Ausdruck ("Ich möchte durch eine Bewegung etwas ausdrücken.") oder Gestaltung ("Ich gestalte eine Bewegung.") umgesetzt werden. Für Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren werden Bewegungsideen häufig über Vorstellungen und Bilder, also über den Bewegungsausdruck, ausgelöst: Tiere, Gegenstände, Situationen, Personen können als Tanzanlässe genutzt werden. „Hüpft wie Frösche durch den Raum. Ihr seid Akrobaten im Zirkus.“ Die spontanen Bewegungsideen der Kinder können durch die Parameter Zeit, Kraft, Raum und Form variiert werden, um so neue Ideen und Variationsmöglichkeiten zu erfinden.

Ab dem Grundschulalter ist es für Kinder oft einfacher, über eine gestaltete und eher abstrakte Bewegungsanregung ins Tanzen zu kommen. Die Bewegungsidee „Macht große Schritte im Tempo der Musik in unterschiedliche Richtungen durch den Raum! Endet in einer Sitzposition.“ ist für diese Altersstufe oft einfacher umzusetzen als Assoziationen und Bilder zum Bewegungsausdruck. Im Idealfall ergänzen sich beide Ansätze: Eine Tanzbewegung ist von einer Vorstellung getragen und bewusst in Zeit, Kraft und Raum gestaltet. Beispielsweise: „Hüpft (wie Frösche/auf verschiedene Möglichkeiten) durch den Raum. Variiert das Tempo, die Richtung und die Sprunggröße.“

Die Bewegung wird durch Qualitätskriterien bestimmt, die sich auf die Ausführung in
  • Zeit (Welches Tempo hat die Bewegung, ist sie zackig oder behutsam?),
  • Raum (Ist sie klein oder groß, rund oder eckig?),
  • Kraft (Mit wieviel Kraft bzw. Spannung wird die Bewegung ausgeführt?) und
  • Form (Wie ist die Struktur des Tanzablaufs, ABA, kanonisch, wie sind Anfang, Mitte, Ende gestaltet?) gründet.
         
Um beim Tanzen eine Erweiterung und Differenzierung der Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeitenzu erreichen, benötigt Tanz eine Schulung und Differenzierung der Körper- und Bewegungstechnik. Es ist sinnvoll, Bewegungen und Schrittabfolgen gesondert zu üben, wenn diesim tänzerischen Gesamtzusammenhang sinnvoll und für die Bewältigung einer tänzerischen undausdrucksgetragenen Idee notwendig ist. Ein Üben der Technik ohne Bezug zur tänzerischen odermusikalischen Gestaltung ist wenig sinnvoll.

Korrespondenzen von Musik und Bewegung: Praxisbeispiele

Folgende Differenzierungen in der Auseinandersetzung mit einem Musikstück sind möglich:
  1. Die Form eines Musikstücks wird in Bewegung umgesetzt. Endet ein Formteil, endet die Bewegungsform und mit dem Beginn des anschließenden Formteils beginnt eine geänderte Bewegung.
     
  2. Neben der Form wird die Phrasenlänge berücksichtigt. Die Bewegungsaufgabe wird so gestellt, dass die Kinder die Phrasenlänge vorhören können und zum Ende der Phrase die Bewegungsphase bewusst beenden.
     
  3. Nach diesen Vorerfahrungen wird ein Musikstück z. B. aus der zeitgenössischen Musik auf elementare Weise analysiert und in eine Tanzimprovisation oder Tanzgestaltung umgesetzt. Die Bewegung wird der Musik angepasst oder bewusst kontrastierend eingesetzt. Auch hier kommt es darauf an, Formteile zu erkennen, vorzuhören und tänzerisch zu gestalten.
     
  4. Die Kinder erhalten die Aufgabe, neben der Konzentration auf die Musik zusätzlich auf ein anderes Kind oder andere Kinder zu achten: Wo sind die anderen Kinder im Raum, wie können wir gemeinsam etwas gestalten? Dazu empfiehlt sich eine Partner- oder Kleingruppenarbeit wie im Materialteil beschrieben.

timpano. Elementare Musikpraxis in Themenkreisen für Kinder von 0 bis 10. Hrsg. von Michael Dartsch, Camille Savage-Kroll, Kitty Schmidt, Marianne Steffen-Wittek, Barbara Stiller und Corinna Vogel. Bosse Verlag 2016.
 
Weitere Informationen auf: www.timpano.de

Foto: BlueOrange Studio / shutterstock


 

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