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Veröffentlicht am 04.05.2016  Geschrieben von Joachim Scharenberg

Genau hinhören

Überstunden, zunehmende Verwaltungsaufgaben, hoher Lärmpegel. Im Kita-Alltag fällt es Erzieherinnen häufig schwer, auf sich acht zu geben. Elisabeth befindet sich seit zwei Monaten in Therapie. Wegen Burnout.
Angefangen hat alles mit Schlafstörungen. Elisabeth* wacht nachts regelmäßig auf. Um 1.04 Uhr, um 1.32 Uhr. Um 3.46 Uhr steht sie auf und kocht sich einen Beruhigungstee. Wenn sie sich wieder hinlegt, denkt sie an die Arbeit: Ich muss mit dem Träger noch die Kostenabstimmung wegen der neuen Möbel machen. Simone hat sich krankgemeldet. Auch Maria geht es nicht gut. Hoffentlich fällt sie nicht aus. Und dabei sind übernächste Woche Elterngespräche. Ich muss noch alles vorbereiten, nur wann? Morgen Abend ist Teamsitzung, am nächsten Tag Schulung. Elisabeth schläft nicht mehr ein. Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Die 31-Jährige arbeitet in einer Kindertagesstätte in Berlin und leitet seit einem halben Jahr die Einrichtung. Sie fühlt sich überfordert. Auch wenn Elisabeth 55 Stunden in der Woche arbeitet, werden die Ordner auf ihrem Schreibtisch nicht weniger. Ständig klingelt das Telefon. Über zweihundert Mal am Tag ploppt das E-Mail-Fenster auf.

So wie ihr geht es vielen Erzieherinnen und Erziehern. Umfragen zufolge klagen Mitarbeiter über steigende Belastungen und fühlen sich dem täglichen Druck immer weniger gewachsen. Die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen befragte 834 Erzieherinnen und Erzieher zu berufsbezogenen Stressbelastungen. Die Studie ergab, dass fast jeder Dritte über die normale Arbeitszeit hinaus arbeitet, um die gestellten Aufgaben bewältigen zu können. Mehr als jeder vierte Befragte fühlt sich durch seine Arbeit oft überfordert. Jeder Fünfte sieht sich in seinem Beruf extremem Stress ausgesetzt.

Anspruchsvoller Kita-Alltag

Der Arbeitsalltag in Kindertagesstätten ist anspruchsvoll. Er umfasst die Förderung und Betreuung von Kindern unterschiedlicher Altersstufen, sozialer Schichten, Begabungen und Sprachkenntnisse. Elternarbeit, Organisation, umfangreiche Dokumentation und Konzepterstellung kommen hinzu und müssen in den Tagesablauf eingeplant werden. Darüber hinaus ergeben sich erschwerte Aufgaben durch die Veränderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen: Seit August 2013 besteht ein gesetzlicher Anspruch auf einen U3-Platz. Dies erzeugte einen immensen Druck bei Kommunen, Trägern und Fachkräften, um die Plätze fristgerecht und mit möglichst geringen Qualitätseinbußen bei der Betreuung bereitstellen zu können. Auch der im Sozialgesetzbuch VIII festgelegte Grundsatz, dass Kinder mit und ohne Behinderung in Gruppen gemeinsam gefördert werden sollen – Stichwort Inklusion –, bringt viele Einrichtungen und Mitarbeiter an ihre Grenzen.  
Zugleich müssen sie mit vielfältigen Belastungen klarkommen. Der hohe Lärmpegel ist eine
davon. Klingelnde Spielzeughandys, umfallende Bauklötze, schreiende Kinder. Messungen haben ergeben, dass in Kitas der mittlere Schalldruckpegel bei mehr als 80 Dezibel liegt. Das ist vergleichbar mit dem Wert einer stark befahrenen Autobahn in 25 Meter Entfernung. Der Spitzenschalldruckpegel kann sogar bis über 120 Dezibel ansteigen. Dies entspricht dem Lärm beim Probelauf eines Düsenflugzeugs in 15 Metern Entfernung. Auch nicht arbeitsgerechtes Mobiliar, enge Räume, zu große Gruppen und zu wenig Personal belasten Erzieherinnen und Erzieher bei der Arbeit.

Elisabeth arbeitet zunehmend auch am Wochenende. Sie beantwortet samstags E-Mails von Eltern. „Unter der Woche habe ich ja keine Zeit dafür“, winkt sie ab. Abschalten kann sie nicht mehr. „Manchmal weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht. Dann funktioniert man nur noch.“ Falls sie am Wochenende Zeit findet, geht sie raus. In die Berge zum Wandern oder zum Skifahren. Zur Ruhe kommt sie nicht, „sonst denke ich nur an die Arbeit“. Auf die Frage, wann sie das letzte Mal ausgeschlafen hat, meint sie, dass sie sich daran nicht mehr so recht erinnern könne. „Vielleicht vor acht Wochen.“ Elisabeth sieht nicht müde aus, sie wirkt aufgedreht, unruhig und nervös. Ihre Fingernägel sind abgekaut, sie lacht unsicher.

Ursachen von Stress

Jeder empfindet und bewertet eine belastende Situation und den damit verbundenen Stress anders. Dabei muss Stress nicht zwangsläufig schädlich sein. Richtig dosiert kann er zu mehr Leistung anspornen und die Produktivität steigern. Um Krisen- und Gefahrensituationen besser zu bewältigen, schaltet der Körper in einen Alarmzustand. Zusätzliche Energie wird bereitgestellt, Puls und Atemfrequenz steigen und die Muskeln spannen sich an. Der Körper bereitet sich wie bei unseren Vorfahren auf Kampf oder Flucht vor. Ist die belastende Situation vorüber, kehren Körper und Geist wieder in einen ausgeglichenen Zustand zurück. Der Körper durchlebt eine Stressreaktion, die durch Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol gesteuert wird.

Ob und inwieweit eine Situation als belastend empfunden wird, hängt von der individuellen Ausgangslage ab. Der eine empfindet den Konflikt mit einem Elternpaar noch als sportliche Herausforderung, der andere kann ihn hingegen schon als unangenehm, belastend oder gar bedrohlich empfinden. Entscheidend ist die innere Bewertung des Stressfaktors. Je negativer, unangenehmer, belastender oder gefährlicher eine Situation eingeschätzt wird, desto stärker fällt die Stressreaktion aus.

Für Elisabeth ist die Situation noch extrem belastend. Fasching nimmt sie sich eine Woche frei und fliegt mit ihrer Freundin nach Fuerteventura. Doch schlafen kann sie nicht. Die Balkontür ist auf, die Vorhänge bewegen sich leicht durch den Wind, der vom Meer hereinweht. Sie sieht auf die Uhr. 1.53 Uhr. 2.14 Uhr. Sie beginnt zu zittern und zu schwitzen. Ihr Herz rast, sie spürt es in ihrer Brust pochen. Immer lauter. Sie hat das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. „Mein erster Gedanke war ,Oh Gott, was passiert mit mir?‘“, sagt sie und weint. „Seitdem weiß ich, dass ich krank bin und dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Ich setze mich selbst unter Druck, weil ich alles perfekt machen will.“
 

Individuelle Stressverstärker

Auch Gedankenmuster und Einstellungen können den Stress im Kita-Alltag  verstärken. Einige wurden als Kind schon dazu angehalten, alles genau zu machen. Misserfolge, Schwächen und Fehler wurden kritisiert oder bestraft. Der Erwachsene hat sehr hohe Erwartungen an sich selbst und sehnt sich nach Erfolg. „Sei perfekt!“ ist das bestimmende Motiv.

Bei anderen ist der Wunsch nach Anerkennung und Zugehörigkeit stark ausgeprägt. Heranwachsende wollen sich durch besondere Leistungen im Kollegenkreis oder im Sportverein die Zuneigung der anderen sichern. Kritik an der eigenen Person, Ablehnung oder Zurückweisung werden als
belastend empfunden. Gefälligkeiten oder Bitten anderer werden stets erfüllt. Bei Konflikten werden eigene Interessen schnell aufgegeben und versucht, es allen recht zu machen. „Sei beliebt“ steht als Leitsatz des Erwachsenen im Vordergrund.

Diese meist unbewussten Gedankenmuster bestimmen maßgeblich das Verhalten als Erwachsener. Stress kann entstehen, um die zu hoch gesteckten Vorstellungen zu erfüllen, oder, wenn Ziele nicht erreicht werden. Das ist bei gelegentlich auftretenden Belastungssituationen nicht schädlich. Zum Problem wird Stress erst, wenn die Anforderungen über einen längeren Zeitraum nicht mehr bewältigt werden können. Folgt eine belastende Situation auf die nächste und kann der Körper sich nicht mehr ausruhen, erholt er sich nicht von dem Stress. Er verharrt im Alarmzustand, bereitgestellte Energiereserven werden nicht verbraucht. Langfristig drohen
körperliche, seelische und negative geistige Auswirkungen.

Im Vergleich zur durchschnittlichen Bevölkerung weisen mehr als doppelt so viele Erzieherinnen und Erzieher ein deutlich erhöhtes Stressniveau auf. Ihre häufigsten gesundheitlichen Beschwerden sind Rückenschmerzen, Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen sowie regelmäßige Infekte. Aber auch psychosomatische Störungen bis hin zum Burnout treten vermehrt auf.

Elisabeths Hausarzt diagnostiziert Burnout und Panikattacken, verschreibt ihr eine Therapie. Sie ist vier Wochen krankgeschrieben. „Seitdem geht nichts mehr. Ich kann mit Tabletten wieder schlafen. Aber die Angst, dass das Herz wieder rast, ist ständig da.“ Seit Fasching spricht Elisabeth mit einem Psychologen über ihre Probleme. Bisher mit wenig Erfolg. „Mein Gott. Was soll’s auch bringen? Die Akten auf dem Schreibtisch werden deswegen auch nicht weniger“, meint sie. Nur nachts wache sie jetzt nicht mehr auf. „Müde bin ich trotzdem. Jeden Tag“, sagt Elisabeth emotionslos.

Foto: Rohappy / shutterstock
 

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