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Veröffentlicht am 27.01.2016  Geschrieben von Ingrid Amon

Hochleistungssport für die Stimme

Die Stimme von Erzieherinnen und ­Erziehern ist im ­Dauereinsatz und wird ­extrem ­belastet. Was Pädagogen tun können, um sie zu schützen und zu stärken, erklärt Sprach-Coach Ingrid Amon.
Pädagogen aus allen ­Bereichen landen mit Abstand am häufigsten wegen Stimm­problemen beim­ Phoniater, dem s­peziell auf den ­Stimmapparat ­spezialisierten Facharzt. Heiserkeit, Halsschmerzen, Stimmermüdung und der „Frosch im Hals“ sind erste Alarmzeichen, dass die Stimme überlastet ist. Dauert der Zustand länger als fünf Tage an oder kommt es gar zum Stimmverlust, sollte unbedingt ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufgesucht werden. Wer bei Heiserkeit flüstert, verschlimmert den Zustand noch, da er den Druck auf die ohnehin geschädigten Stimmbänder verstärkt.

Zur Stimmpflege empfiehlt es sich, genügend Wasser zu trinken, da die optimale Funktion des gesamten Sprechapparates von einem ausbalancierten Feuchtigkeitsstatus abhängt. Zigaretten sind ein Tabu für Personen, deren wichtigstes Arbeitsinstrument die Stimme ist. Auch zu viel Kaffee, Cola und Energy-Drinks schaden der Stimme. Zudem hilft schon ein täglich fünfminütiges Aufwärmtraining, um Überlastung entgegenzuwirken und für den Kita-Tag stimmfit zu werden.

 
Sprechweise als Transportmittel

Die Stimme ist das Transportmittel für jede Art von Inhalt. Dazu gehören auch  Stimmungen wie Freude, Trauer, Motivation oder Überzeugung. Durch die Art und Weise, wie die Stimme klingt, bewirkt man beim Gegenüber zunächst einmal eine körperliche Beeinflussung. In der Sprechforschung bezeichnet man das als „motorischen Mitvollzug“. ­Die Stimme entsteht aus einem Zusammenspiel zahlreicher Muskeln. Wenn Erzieher diese Muskeln verspannen oder mit zu wenig Kraft einsetzen, spürt das Gegenüber das am eigenen Leib. Das kann sich in dem Bedürfnis äußern zu räuspern, obwohl es der Sprecher ist, der einen Frosch im Hals hat. Oft leidet man auch automatisch mit, weil man spürt, dass die vortragende Person nervös ist. Oder man wird beim ­Zuhören nervös und unruhig, weil jemand zu schnell spricht und gehetzt wirkt.

Stimme erzeugt Emotionen

Die nächste Wirkungsebene sind die Emotionen. Aus der Entwicklungs­forschung wissen wir, dass die Gefühls­lage des Sprechers ­wahrgenommen wird, die er über seine Stimme transportiert. Der ­Kommunikationspartner hat gar keine Chance, den Inhalt aufzunehmen, wenn der Tonfall des Senders nicht zum Inhalt des Gesagten passt. ­Evolutionsbedingt sind wir Menschen darauf angewiesen, sofort und unmittelbar zu erfassen, wie es der Sprechende meint. Erst danach, was er sagt. So wie ­Erzieherinnen oder ­Erzieher am Tonfall der ­Kita-Leitung, etwa beim Gute-­Morgen-Sagen, ­erkennen, wie die Zeichen heute stehen, erkennen das auch die Kinder bei der Erzieherin – und zwar ­genau. Es leuchtet also ein, dass eine ­angegriffene, wenig aussagekräftige Erzieherstimme Unaufmerksamkeit und Unruhe in der Kita begünstigt. Im Umkehrschluss hat ein Pädagoge, der seine Stimme ­ökonomisch nutzt und auf eine dem Thema angemessene ­Sprachnutzung achtet, gute Karten.

Erzieher sind Stimmvorbilder

Darüber hinaus ist die Vorbildfunktion, die Erzieherinnen und Erzieher innehaben, nicht zu unterschätzen. Dies gilt, wie viele andere Verhaltensweisen, auch für die Sprechbildung. „Kinder sind Meister der Imitation. Sie ahmen nach, was sie hören und vergessen es nicht“, sagt Kinderstimmbildner Paul Nitsche. Kinder hören die Stimmen ihrer Bezugspersonen, erfassen die Sprachstrukturen der Erwachsenen – und machen es dann ebenso.

Vielen von uns wird der Umgang mit der Stimme frühzeitig verleidet, weil bei der Stimmfunktion ­Wertmaßstäbe angelegt werden. „Du singst falsch“, „brumm nicht so“, „sei leise“ und ähnliche ­Kommentare bringen Menschen dazu, zum Stimmgebrauch an sich eine negative ­Einstellung aufzubauen. Doch durch Singen, Summen und Knurren im ­Alltag wird unsere Hirnrinde, der Cortex, mit Elektrizität aufgeladen.
Im Cortex sind ­Kreativität, Einfallsreichtum und ­geistige Wachheit ­lokalisiert. Ist der Cortex gut versorgt, sind wir „hell im Kopf“. Töne erzeugen ­mobilisiert geistige Energien. Mehr davon kann wohl jeder gut brauchen, gerade ­Menschen, die etwas erlernen sollen.

Wie funktioniert­ Stimme?

Atmung: Stimme funktioniert durch Atmung. Die Materie der Stimme ist die Luft. Töne und Laute produzieren wir beim ­Ausatmen. Zum Sprechen haben wir immer genügend Luft.
Man muss nicht vor Sprechbeginn extra viel Einatmen, auch wenn wir das gelernt haben. Würde uns jemand ohne ­Vorwarnung mit einer Nadel stechen, könnten wir ganz laut
„Au“ schreien, ohne vorher Luft zu holen. Tipp: Tendenziell
 eher ausatmen vor Sprechbeginn.

Stimmbänder / Schallwellenproduktion: Zwei waagerecht platzierte, an Muskeln befestigte Stimmbänder im Kehlkopf versetzen die ausströmende Luft durch ihre Schwingung in bewegte Luft, die Schallwellen. Je mehr Klang wir erzeugen, desto weniger Luft brauchen wir. Tipp: Machen Sie also den Mund auf beim Reden, sprechen Sie Vokale bewusst klangvoll; betonen Sie, als sprächen Sie italienisch: „Mamma mia“ – da klingt jeder Laut. Beim Pfeifen können Sie das Prinzip gut verstehen. Wenn Sie mit viel Luft pfeifen wollen, klingt es gar nicht!

Lautbildung / Artikulation: Sie geschieht durch das Zusammenspiel von Mund, Zunge, Zähnen, Gaumensegel, Wangenmuskulatur, Nase sowie Kiefergelenk. Diese Kooperation formt die Schallwellen zu den Lauten unserer Sprache, vergleichbar mit einem Megaphon. Viele Sprecher haben zu stark angespannte oder ziemlich schlaffe Artikulationsmuskeln. Beides ist für eine ökonomische Sprechweise ungünstig. Tipp: Machen Sie wüste Grimassen während der Morgentoilette, um die Lockerheit herzustellen, die Sie fürs effiziente Sprechen brauchen.

Der Körper als „Lautsprecherbox“:  Die Körperhaltung verstärkt die Sprechabsicht, die Geste bereitet den Ton vor. Zum Ausprobieren: Versuchen Sie, mit verschränkten Händen jemandem energisch mit dem Wort „Raus!“ die Tür zu weisen. Zweiter Durchgang: Wenn Sie dabei mit dem Zeigefinger zur Tür zeigen, klingt das Wort bestimmt überzeugender, energischer und weniger angestrengt. Achten Sie auf Ihre Gesamtkörperhaltung. Diese erleichtert den ökonomischen Einsatz der Sprechwerkzeuge. Ein sicherer Stand verstärkt die Resonanz, ein gerade gehaltener Kopf unterstützt die gute Aussprache, sprechende Hände unterstreichen das Gesagte. Tipp: Das Redner-Ideal, das besagt, dass Hände möglichst ruhig zu halten sind, ist hoffungslos veraltet.

Die Ohren: Sprechübungen werden ausnahmslos laut vorgenommen, um sich selbst als sprechendes Wesen bewusst wahrzunehmen. Und weil unsere Sprache vom Ohr aus gesteuert wird, nämlich im sogenannten audio-vokalen Regelkreis. Das kennt man: In einer lauten Umgebung neigen wir dazu, laut zu sprechen. Menschen, die nicht mehr gut hören, reden entweder zu laut oder sie verstummen. Tipp: Es reicht nicht, darüber nachzudenken, was man sagt. Damit lernt man besser denken, aber nicht unbedingt besser formulieren und vortragen.

 

Stimmtraining für Erzieher – so geht’s:

Zur Stimmpflege: In die Kita-Tasche gehören als Standardausrüstung eine Trinkflasche mit Wasser oder Tee, Lutschpastillen und ein Woll- oder ­Seidenschal gegen Zugluft.

Für Stabilität und Sicherheit: ­Stimmliche Kraft und Sicherheit beginnen bei den Fußsohlen. ­Krallen Sie mehrmals die Zehen in den Schuhen ein und strecken Sie diese wieder aus. Ein gutes Beckengefühl sorgt für Stimm-Volumen. Po-Backen vor Sprechbeginn einige Male fest zusammenkneifen und loslassen, ­Beckenbodenmuskeln aktivieren.
Beim Sprechen die Knie locker lassen, nicht durchdrücken.

Ökonomisch laut werden! Nicht ­versuchen, die Kinder zu übertönen! Lieber einen Trichter vor dem Mund ­bilden – rufen statt ­schreien, Vokale mehr betonen und ­dehnen ­(„Haaaaaallooooooo!“). Nie ­durchgehend rufen, sondern wie eine Sirene auf- und abschwellende Töne produzieren. Das wirkt insgesamt lauter und schont die Stimmbänder. In Turnsälen und unter freiem Himmel unbedingt Trillerpfeife, Gong, Händeklatschen und andere Geräuschquellen  verwenden.

Schweigen als Ausgleich: Damit sich die Stimme erholen kann, hat sich eine Schweige- und ­Ruhezeit im ­Verhältnis 1 zu 7 bewährt. Im Kita-Alltag versuchen, einige ­Minuten ­Schweigen für sich selbst zu ­organisieren. ­Machen Sie sich klar: Sie können und müssen nicht pausenlos ansprechbar sein.

Mehr Informationen
Die Macht der Stimme
Ingrid Amon


Foto: Diego Cervo / Shutterstock

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