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Veröffentlicht am 05.11.2015  Geschrieben von Redaktion

„Ich hätte da mal was …“

Jede Erzieherin und jeder Erzieher hat im Kita-Alltag wahrscheinlich schon einmal „rot gesehen“ und vielleicht sogar die Fassung verloren. Frühpädagogin Dagmar Berwanger erklärt, welche Methoden helfen, aggressionsgeladene Situationen zu entschärfen.

Das erzählt die Erzieherin, Heike K., 75, ehemalige Kita-Leiterin:

Als Peter* mit dreieinhalb Jahren in den Kindergarten kam, begannen nach ein paar Wochen seine „Attacken“ gegen die anderen Kinder: In der Bauecke zerstörte er ihre Bauwerke, am Maltisch zerriss er ihre Bilder. Natürlich griff ich ein, um sein Verhalten zu unterbinden. Oft schickte ich ihn für einige Zeit aus der Gruppe. Doch nichts änderte sich, er blieb uneinsichtig. Morgens, wenn die Mütter ihre Kinder brachten, fragten sie schon voller Sorge: „Ist der Peter heute da?“ Ich war verzweifelt über die Situation und so suchte ich Hilfe bei einem Pädagogen der örtlichen Fachschule. Er riet mir, jeden Tag um die gleiche Zeit aufzuschreiben, was der Junge tat. Manchmal war er aggressiv, manchmal spielte er allein und manchmal beobachtete ich erstaunt, dass er mit anderen Kindern völlig partnerschaftlich umging. Überrascht erkannte ich, dass Peter nicht immer nur aggressiv war sondern durchaus auch andere Ausdrucksmöglichkeiten besaß. Mit Lob und Zuwendung versuchte ich, diese Phasen zu verlängern, was mir jedoch nur ansatzweise gelang.

Die Situation eskalierte. Eines Tages geschah Folgendes: Am Esstisch aß ein Kind sein mitgebrachtes Leberwurstbrot. Ich saß daneben. Da kam Peter und schnappte sich das Brot. Er legte es auf den Boden, rammte seine Ferse hinein, drehte den Fuß hin und her, zermatschte es geradezu genüsslich. Ich war so entsetzt, dass ich Peter fest anpackte, um ihn davon abzubringen und ihm schließlich – und darauf bin ich wahrlich nicht stolz – einige Schläge auf den Po gab. Wir waren beide schockiert, glaube ich. Zumindest ging er weg ohne zu weinen. Die Mutter, der ich den Vorfall  beim Abholen gestand, schien etwas verärgert, ging aber nicht weiter auf die Geschehnisse ein. Später schickte sie auch ihren zweiten Sohn in meine Kita-Gruppe, sie schien mir mein Verhalten nicht vorzuwerfen. Das Verblüffende bei dieser Geschichte war, dass Peter sich seit diesem Tag veränderte: Er war nicht mehr so oft aggressiv und gliederte sich mehr und mehr in die Gemeinschaft ein.

Obwohl diese Begebenheit mehr als 30 Jahre her ist, fiel sie mir sofort ein, als ich gefragt wurde, ob ich eine interessante Fallgeschichte für Meine Kita hätte. Natürlich trage ich mir noch immer nach, wie ich damals reagiert habe. Aber ich habe damals keine andere Lösung gefunden, die die Situation verbessert hätte. Ich glaube, ich warte bis heute auf eine Erklärung, was damals zwischen Peter und mir passiert ist und warum seine Reaktion auf meine Entgleisung so positiv war. Und natürlich, wie ich es hätte anders machen können.


*Name von der Redaktion geändert
 

Das sagt die Expertin:

Ich möchte Frau Heike K. ausdrücklich für ihre mutige und ehrliche Fallgeschichte danken. Auch die professionellste Fachkraft mag an den Herausforderungen eines Kita-Alltags manchmal verzweifeln und zu Maßnahmen greifen, die sie – wie im Fall von Frau K. – noch lange beschäftigen. Die von Frau K. geschilderte positive Reaktion von Peter auf ihr Verhalten lässt zwangsläufig die Frage nach der Berechtigung von Gewalt in der Erziehung aufkommen. Zu Recht fragt sie sich nach dem Grund für Peters positive Verhaltensänderung. Jeder, der mit Kindern arbeitet, weiß um das tägliche, manchmal auch mühevolle Ringen um Grenzen mit dem Kind. Doch welche Mittel sind dabei erlaubt?

Gewalt wirkt – aber nicht positiv

Dass Kinder als prompte Reaktion auf Gewalt jeder Art ihr Verhalten im Sinne der Erwünschtheit verändern, darf uns nicht dazu verleiten, dies als „Erfolg“ unserer Erziehung zu verbuchen. Mit Bestrafung kann man Kinder fast immer dazu bringen sich so zu verhalten, wie man möchte – je massiver die Strafe, desto „wirkungsvoller“. Eine Lösung des Problems ist das jedoch nicht. Man hat lediglich mit aller Macht einen Zustand beim Kind beendet, der aber in Wirklichkeit längst nicht beendet ist. Auch dann nicht, wenn das unerwünschte Verhalten vorübergehend nicht mehr gezeigt wird. So ist Peter nicht etwa plötzlich weniger wütend, nur weil er seine Wut unterdrückt. Der vermeintliche Erziehungserfolg ist in Wirklichkeit keiner – das unerwünschte Verhalten zeigt sich nur in anderer Gestalt zu einem anderen Zeitpunkt wieder. Und der Preis, den das Kind zu zahlen hat, ist hoch. Es hat nämlich keinerlei Möglichkeiten, nachhaltige emotionale Kompetenzen zu entwickeln, mit der eigenen Wut, den Aggressionen umzugehen, diese Impulse zu regulieren. Unter Körperstrafen leiden langfristig immer das Selbstbewusstsein sowie das Gespür für eigene Grenzen und die Grenzen anderer. Genährt werden Angst, Misstrauen und Schuldgefühle. Aber welche Möglichkeiten habe ich, wenn ich ein Kind, wie im genannten Beispiel, nicht mehr erreiche und Gefahr laufe, Gewalt anzuwenden?

Raus aus dem „Gefühlstunnel“

Machen Sie sich klar: Wie verläuft meine „Spannungskurve“, also wie schnell werde ich wütend, wann gerate ich in einen Zustand, in dem ich handgreiflich werde? Wie schaffe ich es, meine eigene Wut zu regulieren? So können Sie rechtzeitig gegensteuern.
 
 
„Exit-Strategien“ – ein Notfall-Koffer gegen die Wut 
  • Beschäftigen Sie Ihr Gehirn und blockieren so die Wut: Benennen Sie schnell fünf Dinge, die Sie sehen, hören oder anders wahrnehmen. Oder ziehen Sie jeweils sieben, beginnend bei 100, ab. Was kochen Sie heute Abend?
     
  • Lenken Sie Ihre volle Aufmerksamkeit auf Ihren Atem: Atmen Sie bewusst langsam ein und langsam aus und legen dabei die Hand auf Ihren Bauch.
     
  • Schließen Sie die Augen und achten Sie auf Ihren Körper: Wie stehe ich da? Spüre ich den Boden unter meinen Füßen? Bewegen Sie langsam und nacheinander jeden einzelnen Finger, die Zehen, den Kopf.
     
  • Ermutigen Sie sich selbst: „Ich habe schon schwierigere Situationen bewältigt“, „Ich kann das aushalten“, „Es ist nicht so schlimm“.


Und wenn Sie bereits die Beherrschung verloren haben?

Aus der Forschung weiß man, dass es für Kinder einen großen Unterschied macht, wer die Verantwortung für die (hoffentlich nur einmalig ausgeübte) Gewalt auf sich nehmen muss. Wird sie dem Kind aufgebürdet im Sinne von „Mir tut das genauso weh wie dir, aber du lässt mir ja keine andere Wahl“? Oder tragen die Erwachsenen die Verantwortung dafür und entschuldigen sich ehrlich. Entscheidend ist, dass der Erwachsene emotional wie verbal für die Entgleisung einsteht.
 

Wart ihr auch schon in einer solchen Situation?  

Habt ihr ein ähnliches Erlebnis? Erzählt uns, was euch gerade beschäftigt, bedrückt oder beflügelt. Die Meine Kita-Redaktion freut sich auf eure praxiserprobten Ratschläge oder Fragen, die wir gerne in einer der nächsten Ausgaben oder hier im KitaClub veröffentlichen, um damit auch anderen Kita-Fachkräften wertvollen praxisnahen Input zu geben. 

 
Schickt uns eure Fragen und Erfahrungen an: 
meine.kita@avr-verlag.de
Betreff: „Ich hätte da mal was …“
oder per Post an:
AVR GmbH • Redaktion Meine Kita „Ich hätte da mal was …“
Weltenburger Straße 4
81677 München
oder per Fax an: +49 89 4705364



Die Expertin
Dr. Dagmar Berwanger arbeitete sechs Jahre in der Ambulanz für Entwicklungsfragen am Institut für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilian-Universität München. Seit 2004 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Frühpädagogik.



 

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