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Veröffentlicht am 18.09.2015  Geschrieben von Redaktion

Ich hätte da mal was...

Kinder erleben oft Ängste, die Erwachsene nicht nachvollziehen können. Frühpädagogin Dagmar Berwanger erklärt, wie man auf solche „Notlagen“ angemessen und kompetent reagieren kann.

Das erzählt der Erzieher

Florian Esser, Erzieher in der educcare Bildungskindertagesstätte in Aachen, erzählt:

Ich erlebe in meiner Arbeit immer häufiger Kinder, die mit starken Ängsten konfrontiert sind. Ich spreche hier von einer Angst, die sich nicht rational begründen lässt und deren Ursache sich mir nicht erschließt. Ich entsinne mich an eine Gegebenheit im Außengelände, bei dem ein Kind aus Angst nicht am Fangenspiel teilnahm, weil es sich vor der Konsequenz des Gefangen-Seins so sehr fürchtete – obwohl es beobachten konnte, dass den anderen „gefangenen Kindern“ nichts zustieß. Es kam auch einmal vor, dass ein Kind sich vor einem außen auf der Scheibe sitzenden Insekt so sehr ängstigte, dass es zu zittern und schwitzen begann. Ein anderes Mal warf ein Junge versehentlich seine Kappe auf ein Sonnensegel. Er brach sofort in Tränen aus und hatte Panik die Kappe nie wieder zu bekommen. Ungeachtet der Tatsache, dass ich ihm die Kappe problemlos hätte herunterholen können. Mir fällt es in solchen Momenten teilweise schwer mich in die Kinder hineinzuversetzen und ihre, in meinen Augen völlig unbegründete, Angst nachzuvollziehen. Was steckt hinter diesem Verhalten und wie gehe ich damit um?

Das sagt die Expertin:

Auch wenn Ängste der Kinder aus Sicht der Erwachsenen nicht immer erklärbar und nachvollziehbar sind und daher auf den ersten Blick als unbegründet erscheinen, darf uns das nicht dazu verleiten, sie als grundlos zu bewerten oder zu verharmlosen.
 
Gefühle wie beispielsweise Furcht oder Trennungsangst sind uns bereits in die Wiege gelegt und sichern unser Überleben. Sie entstehen in einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns, dem sogenannten limbischen System. Es ist für die Entstehung sehr starker Emotionen wie Angst oder Wut verantwortlich. Ein Kind in den ersten Lebensjahren wird von diesen intensiven Gefühlen regelrecht überflutet, da der rationale Teil seines Gehirns noch nicht weit genug entwickelt ist, um mit diesen überwältigenden Gefühlen klar zu kommen. Für uns alltägliche Ereignisse können bereits das Furcht-System im kindlichen Gehirn aktivieren und Auslöser für massive Ängste sein. Das Kind kann diese starken Gefühle ohne Hilfe von außen noch nicht bewältigen. Durch emotional zugewandtes und verständnisvolles Verhalten können Bezugspersonen dazu beitragen, den emotionalen mit dem rationalen Teil des kindlichen Gehirns mehr und mehr zu vernetzen und so das Erlernen von Bewältigungsstrategien beim Kind zu unterstützen. Dies lehrt uns die neurobiologische Forschung.

Wenn Ängste eines Kindes trotz behutsamen Umgangs ein solches Ausmaß annehmen, dass der Alltag kaum noch zu bewältigen ist und dies nachhaltig über mehrere Monate anhält, ist eine fachliche Abklärung nötig.


Was Kindern, die Angst haben, gut tut:

  • die Ängste der Kinder respektieren, sie ernst nehmen; ihnen nicht das Gefühl geben, „falsch“ zu fühlen
    gut: „Jetzt hast du dich wohl sehr vor dem Insekt geängstigt.“
    nicht gut: „Jetzt hab dich doch nicht so, ist doch nur ein Käfer!“
     
  • das aufgewühlte Kind eventuell (und wenn von ihm zugelassen) körperlich beruhigen, denn: Durch körperlichen Kontakt werden Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet, die zusätzlich zur Beruhigung beitragen.
     
  • über die Ängste sprechen, dabei selbst ruhig und gelassen bleiben und sich die nötige Zeit nehmen
    gut: „Komm, wir holen die Kappe gemeinsam mit dem Besen runter.“
    nicht gut: „Herrje, du hast die Kappe doch wieder, was weinst du noch?!“
     
  • den Auslöser der Angst „auf Sachebene“ reflektieren und so vom Angstgefühl „weglotsen“. („Wusstest du schon, dass so eine Ameise das Hundertfache ihres Gewichts tragen kann?“)
     


Wichtig:
Jede Erzieherin und jeder Erzieher sollte die eigene Haltung kritisch reflektieren und eigene „Konzepte“ hinterfragen:
„Nehme ich die Ängste bei Mädchen und Jungen verschieden wahr?“
„Welche Gefühle löst die Angstreaktion des Kindes bei mir aus?“

 

Wart ihr auch schon in einer solchen Situation?  

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oder per Fax an: +49 89 4705364



Die Expertin
Dr. Dagmar Berwanger arbeitete sechs Jahre in der Ambulanz für Entwicklungsfragen am Institut für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilian-Universität München. Seit 2004 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Frühpädagogik.



Foto: acequestions / shutterstock.com

 



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