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Veröffentlicht am 20.07.2015  Geschrieben von Redaktion

„Ich hätte da mal was …“

Der kleine Max schreit und tobt jeden Morgen beim Hereinkommen. Wie seine Erzieherin reagiert und was die Frühpädagogin Dr. Dagmar Berwanger dazu meint, lest ihr hier.

Das erzählt die Erzieherin:

Frau Anette Joachimsmeier (Leiterin der Katholischen Tageseinrichtung für Kinder St. Ludgerus in Herten) erzählt:

Ich bin nun über 40 Jahre Erzieherin und leite seit vielen Jahren eine dreigruppige Einrichtung. Ein Junge, nennen wir ihn Max, kam seit zwei Jahren zu uns und jeden Morgen schrie und tobte er beim Hereinkommen. Er ließ sich nur selten ansprechen und brauchte bis zu einer Stunde, um sich zu beruhigen. Für alle eine tägliche Herausforderung, ja eine Tortur, die wir durch unzählige Elterngespräche und pädagogische Haltungen versucht hatten zu beeinflussen.

Dann kam der Montag, der alles änderte: Ich hatte Max in seiner Gruppe bereits erwartet, ihn trotz Schreiens und Sich-Wehrens festgehalten und ihm gesagt, dass er sich doch so gut auskennt bei uns, dass er weiß, wann er wieder abgeholt wird, alle Kinder kennt und dass er immer so gute Ideen beim Malen hat. Ganz viele Kompe­tenzen! Er beruhigte sich etwas. Ich ging mit ihm zum Maltisch – noch unter Protest. Nach relativ kurzer Zeit ließ er sich auf seine Kreativität ein und malte. Das „Geschrei“ an den nächsten beiden Morgen war zwar wieder da, er ließ sich aber durch eine kurze Aussage von mir, ein Erinnern an seine Kompetenzen, erstaunlich schnell beruhigen. Seitdem verläuft zwar noch nicht jeder Tag einfach, aber ihm seine Stärken vor Augen zu führen, hat eine enorme Verhaltensänderung herbeigeführt. Wir sind jetzt auf einem guten gemeinsamen Weg.

 

Das sagt die Expertin:

Frau Joachimsmeier zeigt in sehr berührender Weise, wie Kinder nach Kompetenz­er­leben dürsten. Sich als kompetent zu erleben, wurde schon von den amerikanischen Motivationsforschern Richard M. Ryan und Edward L. Deci als eines der drei psychischen Grund­bedürfnisse formuliert.  
Neben dem Wunsch nach sozialer Eingebundenheit und dem Wunsch, sich in seinem Handeln als selbstbestimmt wahrzunehmen, streben wir von klein auf danach, in den eigenen Fähigkeiten bestätigt zu werden, uns selbst auszuprobieren, das erfüllende und befriedigende Gefühl zu spüren, etwas aus eigener Anstrengung geschafft zu haben. Kindern derartige Erfahrungen zu ermöglichen nährt ihr positives Selbstkonzept und ist eine der besten Investitionen in ihre Zukunft. In den ersten Lebensjahren wird das Wissen über sich selbst vorwiegend über das Gefühl der eigenen Wirksamkeit vermittelt. Schon im ersten Lebensjahr beginnen Kinder damit, Dinge unbedingt selbst machen zu wollen, um sich als selbstwirksam zu erleben. Oft beobachten wir, dass eine Reaktion der Umwelt provoziert wird, denn damit entsteht beim Kind das Erleben „Mich gibt es, ich werde gesehen“. 

Frau Joachimsmeier hat es geschafft, Max diese Selbstwirksamkeit erleben zu lassen und sich darüber seiner Kompetenzen bewusst zu werden. Mit viel Empathie hat sie dafür ein authentisches Lernfeld gefunden und seine Kreativität und Freude am Malen gezielt dafür genutzt, sein Selbstkonzept zu stärken. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ein sehr schönes Beispiel dafür, welch großen Stellenwert frühe Lernerfahrungen haben. Auch im Hinblick auf später: Wer sich selbst mag und Vertrauen in die eigenen Kompetenzen hat, wird es leichter haben, Widrigkeiten im Leben zu trotzen, immer wieder aufzustehen und widerstandsfähig zu sein.
 

Wart ihr auch schon in einer solchen Situation?  

Habt ihr ein ähnliches Erlebnis? Erzählt uns, was euch gerade beschäftigt, bedrückt oder beflügelt. Die Meine Kita-Redaktion freut sich auf eure praxiserprobten Ratschläge oder Fragen, die wir gerne in einer der nächsten Ausgaben oder hier im KitaClub veröffentlichen, um damit auch anderen Kita-Fachkräften wertvollen praxisnahen Input zu geben. 

 
Schickt uns eure Fragen und Erfahrungen an: 
meine.kita@avr-verlag.de
Betreff: „Ich hätte da mal was …“
oder per Post an:
AVR GmbH • Redaktion Meine Kita „Ich hätte da mal was …“
Weltenburger Straße 4
81677 München
oder per Fax an: +49 89 4705364



Die Expertin
Dr. Dagmar Berwanger arbeitete sechs Jahre in der Ambulanz für Entwicklungsfragen am Institut für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilian-Universität München. Seit 2004 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Frühpädagogik.


Foto: fasphotografic / shutterstock.com

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