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Für die Praxis › Sprache & Gemeinschaft
Veröffentlicht am 14.11.2017  Geschrieben von Sibylle Rothkegel

Flüchtlinge in Kitas – so werden alle gemeinsam stark!

Flüchtlingskinder kommen mit einem Rucksack voller Kompetenzen und Erfahrungen in eine ihnen unbekannte Welt. Werden sie in der Kita als Bereicherung und Lernchance gesehen, profitieren alle von diesem „Zuwachs“ – Erzieher, Eltern und Kinder. Dennoch ist es wichtig, besonderes Augenmerk auf eventuelle Traumatisierungen der neuen Kinder zu haben. Wie sie entstehen und was Erzieherinnen tun können, um die Kinder zu unterstützen und professionell mit der Situation umzugehen, erfahrt ihr im folgenden Beitrag.
Eine Flucht ist immer eine Zwangs- und Notsituation. Menschen auf der Flucht sind die unausweichliche Begleiterscheinung von Krieg und Vertreibung. Zurzeit sind davon weltweit etwa 51,2 Millionen Menschen betroffen. 50 Prozent aller Menschen auf der Flucht sind jünger als 18 Jahre. In Deutschland leben derzeit etwa 65 000 Kinder mit einer Fluchtgeschichte, Tendenz steigend. 

Wenn Flüchtlingsfamilien in ihrem Zufluchtsland ankommen, sind sie weder am Ziel ihrer Träume noch am Ende ihres Weges angelangt. Denn Traumatisierung endet nicht mit der Ankunft im „sicheren“ Auffanglager, sondern geht lediglich in eine neue Phase, eine neue Sequenz, über. In der neuen Sequenz kann sich das Trauma sowohl verstärken als auch ein Heilungsprozess eingeleitet werden. Eine neue Herausforderung – aber auch eine große Chance – für pädagogische Fachkräfte in Kitas. Um ihr zu begegnen, ist es notwendig, ein Bewusstsein für das Entstehen und die Auflösung von Traumata zu entwickeln.  

Schützende Faktoren

Wenn in der Kindheit Bedingungen von Angst, Vernachlässigung und Gewalt langfristig einwirken und auch noch eine plötzliche Trennung von nahen Bezugspersonen die Situation verschärft, entwickelt sich häufig eine komplexe Traumatisierung. Ihr Ausmaß ist abhängig von der Art, den Umständen und der Intensität der traumatischen Einwirkung und besonders natürlich auch vom Entwicklungsstand der Kinder. Bei den Umständen spielt vor allem eine Rolle, ob es vor, während und nach der Traumatisierung schützende Faktoren, wie etwa unterstützende Bezugspersonen, gegeben hat.

Traumatisierung als langfristiger sozialer Prozess

Hans Keilson hat bereits in den 70er-Jahren in einer bisher weltweit einzigartigen Langzeitstudie mit 400 durch den Naziterror traumatisierten jüdischen Waisenkindern das Konzept der 
„Sequentiellen Traumatisierung“ ent­wickelt. Er versteht Trauma als sozialen Prozess und zeigt, dass es für den Heilungsverlauf der Kinder eine entscheidende Rolle spielt, ob sie direkt nach den traumatischen Erlebnissen Wertschätzung und Unterstützung – oder im Gegenteil – Abwertung und Diskriminierung erfahren. Die im Folgenden dargestellten aufeinander aufbauenden zeitlichen Sequenzen der Traumatisierung zeigen, wie sich ein Trauma nach und nach entwickelt:

Sequenz 1 – Aufbruch

In der ersten Sequenz geht es um die Entscheidung zur Flucht. Sie ist immer unfreiwillig und fremdbestimmt. Folgende ­Schlüsselfragen sind hier entscheidend:
› Wie extrem sind die traumatischen Erlebnisse, die zur Flucht führen?
› Wie plötzlich und überraschend geschieht das für die betroffenen Kinder? Wie nehmen sie ihre Eltern wahr, fühlen sie sich von ihnen geschützt?
› Ist Abschied nehmen möglich? Werden die Kinder von ­Bezugspersonen wie Großeltern oder Spielkameraden ­gewaltsam getrennt? 
Meist sind kleine Kinder nicht aktiv an der Entscheidung zur Flucht beteiligt und sie können die Beweggründe der Eltern nicht wirklich nachvollziehen. Manche geflüchteten Kinder 
beklagen intensiv die Abwesenheit geliebter Menschen aus dem Herkunftsland und auch den Verlust vertrauter Orte. Ihr Leid äußert sich dann häufig über Wut und aggressives Verhalten, weil  andere Ausdrucksformen nicht zur Verfügung stehen.  

Sequenz 2 – Flucht

Die zweite Sequenz umfasst die Periode der Flucht, die sehr lange dauern kann, was wiederum die Gefahr neuer traumatischer Erlebnisse mit sich bringt. Eltern und Kinder sind ­geschockt und betroffen und müssen gleichzeitig Stärke aufbringen. Schlüsselfragen sind hier:
› Fliehen sie allein oder mit einer Gruppe? 
› Ist die Flucht professionell organisiert?
› Welche gefahrvollen Situationen, welche Ängste müssen ­bewältigt werden?
› Wie lange dauert die Flucht, und wo endet sie?

Sequenz 3 – die Kita kommt ins Spiel

Die dritte Sequenz betrifft die Zeitspanne der Ankunft, die meist schockierend ist. Alles ist fremd. Der Fluchtort, meist ein provisorisches Erstauffanglager für Asylanten, garantiert keine wirkliche Sicherheit und entspricht den Erwartungen nicht. Im Vordergrund stehen die Unterkunft und die rechtliche Situation. Schlüsselthemen sind hier Sicherheit, Stabilisierung und Integration. 

Da wir alle am traumatischen Prozess beteiligt sind, können wir auch alle helfen, ihn weniger zerstörerisch zu gestalten. Gerade in der Kita gibt es viele Möglichkeiten, auf Heilungsprozesse positiv Einfluss zu nehmen. 
Das Gefühl der Fremdheit etwa kann durch gezielte Aktivitäten, wie ein Willkommensfest zu Beginn oder Angebote, die die Gemeinsamkeiten aller Kinder betonen und die Gemeinschaft stärken, gemildert werden. 
 

Die neuen Eltern einbinden

Im Umgang mit den Eltern der Kinder, die neu in die Kita kommen, ist eine gleichberechtigte Begegnung auf Augenhöhe sehr wichtig. Von Vorteil ist es, wenn alle Beteiligten offen sind für Veränderung und gemeinsam versuchen, eine neue Qualität des Zusammenlebens zu entwickeln. 

Traumatische Erlebnisse sind immer Erlebnisse extremer Hilflosigkeit und Ohnmacht. Eine der bedeutsamsten Folgen ist das Gefühl, keinen Einfluss nehmen zu können. Psychologen sprechen hier von „erlernter Hilflosigkeit“. Daher muss die Unterstützung eigenverantwortlichen Handelns ein Hauptanspruch beim Umgang mit den asylsuchenden Eltern sein. Sie müssen sich als Subjekte erleben können, indem sie in den Kita-Alltag einbezogen werden. Sie müssen als Experten für ihre Kinder und ihre kulturelle Herkunft gefragt sein. Auch die Kinder sollten erleben, dass ihre Eltern Wertschätzung erfahren, denn nur so können sie mit der Zeit verarbeiten, dass ihre möglicherweise früher als stark wahrgenommenen Eltern sie vor dem Unheil (Krieg, Zerstörung und Flucht) nicht beschützen konnten. Die Kinder erhalten mit einem verbesserten Elternbild folglich ein Stück Halt und Sicherheit zurück. Eine mangelnde Anerkennung der Eltern kann sich also im Umkehrschluss negativ auf das Wohlbefinden und somit auf die Inklusionsfähigkeit der Kinder niederschlagen.

Menschen können sehr unterschiedlich auf belastende Erlebnisse reagieren.
Bei traumatisierten Kindern kann es zu einem sogenannten Entwicklungstrauma kommen, das sich in verzögerter Entwicklung oder Bindungsstörung äußert.

Häufige Verhaltensmuster

Kinder mit unsicher vermeidendem Bindungsmuster wirken manchmal gefühlskalt, zeigen sich „unverwundbar“, verhalten sich aggressiv und auch selbstverletzend. Sie beziehen sich wenig auf ihre Bezugspersonen und lehnen Zuwendung in Verletzungssituationen ab. Dieses Verhalten kann sich verfestigen, wenn Eltern über einen längeren Zeitraum aufgrund von eigenen Belastungen nicht in der Lage sind, auf die Signale der Kinder zu achten.
Andere Kinder zeigen ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster, das heißt, sie klammern sich in stressreichen Situationen einerseits an ihre Bezugspersonen, reagieren aber aggressiv auf ihre Versuche zu Trösten. 

Manche Kinder dagegen fallen kaum auf und wirken sehr brav und angepasst. Kinder geflüchteter Familien erhalten oft den unausgesprochenen Auftrag, „Sonnenschein der Familie“ oder die Brücke zur neuen Welt zu sein. Eine große Last auf kleinen Schultern. Dabei werden sie in ihren Ängsten nicht wahrgenommen. Traumatisiert können oft gerade diejenigen Kinder sein, die den Erwachsenen nicht auffallen. Wichtig wäre, solchen Kindern zu ermöglichen, aufzufallen, „aus der Rolle zu fallen”, auch wenn dies das Leben mit ihnen zunächst nicht leichter gestaltet. 

Was können Erzieher tun?

Fachkräfte haben zuallererst die Aufgabe, in der Kita einen „sicheren Ort“ zu schaffen. Dazu gehören: strukturelle Klarheit, verbindliche Absprachen, maximale Transparenz der Gestaltung des Alltags, verbindliche Regeln und Konsequenzen, Rituale, Erreichbarkeit. Sichere Orte bedürfen aber auch unbedingt der Kultur absoluter Gewaltfreiheit. 
Auch die Gemeinschaft mit den anderen Kindern spielt beim Sich-Sicher-Fühlen eine zentrale Rolle, sie gibt den Kindern das Gefühl von Zugehörigkeit  und liefert die Motivation, sich der neuen (Um-)Welt interessiert zu öffnen – die Grundlage aller Lernprozesse.

Die professionelle Haltung

Empathie und Klarheit sind Kompetenzen, die alle Pädagogen in der Begegnung mit geflüchteten Kindern brauchen. Es gilt, sich hineinzuversetzen in die Gefühle der Kinder und ihrer Eltern, ihre Denkstrukturen, 
Überzeugungssysteme und Anpassungsstrukturen zu verstehen. 
Oft bedeutet dies für die pädagogischen Kräfte, sich mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Ohnmacht, möglichem Verlust auseinandersetzen zu müssen. Die Konfrontation mit Extremen kann die Weltsicht verändern. Das eigene Gefühl von Sicherheit kann dabei zuweilen angekratzt werden. 

Die eigenen Vorurteile reflektieren

Zum professionellen Umgang mit Flüchtlingsfamilien gehört auch eine Verbesserung der interkulturellen Handlungskompetenz. Dazu gehört viel Eigenreflektion und die Bereitschaft zu Veränderung. Denn es geht nicht nur um die sprachliche Verständigung, sondern oft auch um die Begegnung mit anderen Wertesystemen. Begegnungen mit kultureller Vielfalt können Ängste und Unsicherheiten hervorrufen. Es gilt, sich dessen bewusst zu sein und sich nach den eigenen kulturellen Bezügen zu fragen, sich seiner Vorurteile bewusst zu werden. So können kulturelle Unterschiede als Vielfalt anerkannt werden. Supervision und das Schaffen von Räumen zur Reflexion im Team stützen diese Prozesse.

Miteinander lernen

Die Erschütterung über Fluchtgeschichten führt nicht selten zu einer Zentrierung auf die leidvollen Folgen traumatischer Belastungen. Diese Sichtweise stigmatisiert die Betroffenen und schränkt sie in ihrem Wachstum ein. Auch berauben wir uns und unsere Kinder aufgrund dieser eingeschränkten Perspektive vieler spannender Lernmöglichkeiten. Sei es die andere Kultur, die andere Sprache oder die bemerkenswert andere Persönlichkeit. Wir übersehen leicht, dass Betroffene mit ihrem Leben weiterhin zurechtkommen müssen, was vielen unter großen Anstrengungen auch gelingt. Die Überlebenskraft und -kreativität Betroffener kann erstaunlich konstruktive Kräfte entfalten. Daran teilzuhaben, stärkt und bereichert uns und unsere Kinder.


Foto: Diego Cervo/shutterstock.com
 

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