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Veröffentlicht am 07.06.2016  Geschrieben von Redaktion

Was tun, wenn Kinder aggressiv sind?

Joseph begann, sich egoistisch zu ­verhalten und sich immer mehr zurückzuziehen. Trotz Kinderkonferenzen und Gesprächen mit seiner Mutter schafft es die Erzieherin nicht, ihn wieder ­vollständig in die Gruppe zu integrieren. Dagmar Berwanger erklärt, warum es hilfreich ist, sich auf einen Perspektivenwechsel einzulassen.
Das erzählt die Erzieherin:
Stephanie M., 27 Jahre, Erzieherin in einer städtischen Kindertagesstätte
 
"Joseph, vier Jahre, war ein Kind, das gern mit anderen Kindern in seiner Gruppe spielte. Doch vor einem halben Jahr begann er, sich egoistisch zu verhalten. Er nahm den anderen Kindern Spielzeug weg, machte Sachen kaputt, die sie gebaut hatten, und warf die Bauklötze wütend in die Ecke. Besonders fixiert war er auf Autos und Dinosaurier: Er setzte sich mit dem Spielzeug in eine Ecke und starrte es an. Seine Frustrationsgrenze war sehr niedrig, und er empfand kaum Mitleid für die anderen Kinder in seiner Gruppe, wenn er ihnen das Spielzeug weggenommen hatte.
 
Ich suchte das Elterngespräch und lernte die Mutter kennen. Ich war neu in der Kita und fragte sie, ob sich Joseph zu Hause auch so verhalte. Die Mutter erzählte mir, sie sei alleinerziehend und überfordert. Sie arbeite halbtags als Kassiererin und habe auch schon die Veränderungen in Josephs Verhalten bemerkt, aber sie wisse sich nicht mehr zu helfen.
 
Ich versuchte, Joseph wieder in die Gruppe zu integrieren. Wir machten Rollenspiele, Joseph musste sich in die anderen Kinder hineinversetzen. Inzwischen veranstalten wir alle zwei Wochen Kinderkonferenzen, bei denen auch die Kinder Josephs Verhalten ansprachen. Zudem sagte ich der Mutter, dass Joseph zu Hause Grenzen braucht.
Joseph hat begonnen, sich zu ändern. Er zerstört nicht mehr die Sachen der anderen Kinder oder ist aggressiv. Jedoch schaffen wir Erzieherinnen es kaum, ihn zu überzeugen, dass er mit den anderen Kindern zusammen spielt. Lieber setzt er sich alleine mit einem Auto oder einem Dinosaurier in eine Ecke. Was können wir noch tun?"
 

Das sagt die Expertin:

Dr. Dagmar Berwanger arbeitete in der Ambulanz für Entwicklungsfragen am Institut für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilian-Universität München. Seit 2004 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Frühpädagogik und seit 2010 abgeordnet an das Bayerische Familienministerium. Sie ist freiberuflich in Beratung und Fortbildung tätig.
 
Mit großer Sensibilität beobachtet Stephanie M. Veränderungen in Josephs Verhalten und macht sich zu Recht Sorgen. Denn Joseph empfindet keine Freude mehr am Spiel mit anderen Kindern. Zudem sei er neuerdings egoistisch, zerstörerisch, aggressiv und zeige kein Mitleid. Zu rasch tendieren wir dazu, das beobachtete Verhalten eines Kindes zu interpretieren und scheinbar nachvollziehbare Gründe für sein Verhalten zu finden. Hier rate ich zur Vorsicht. Manchmal verleitet uns unsere Beobachtung zu vorschnellen Schlüssen.
Ich rate Stephanie M., sich auf einen Perspektivenwechsel einzulassen, sich Zeit zu nehmen, Josephs Verhalten über einen längeren Zeitraum neugierig und systematisch zu beobachten. Dabei sollte sie sich von dem Wunsch lösen, eine Erklärung für das Beobachtete finden zu wollen. Manchmal bringt eine systemische Zugangsweise eine neue Sicht auf das Verhalten des Kindes und schärft den Blick für seine Ressourcen, anstatt sich für seine Schwächen und vermeintlichen Defizite zu konzentrieren.
So viel wie möglich über Joseph und seine Stärken zu wissen, erleichtert den Zugang zu seinen Gefühlen und ebnet den Weg dafür, ihm dabei zu helfen, seine Gefühle zu erkennen und sie zu benennen. Dies ist die entscheidende Voraussetzung dafür, sich in andere hineinversetzen und Mitgefühl entwickeln zu können – wie im beschriebenen Rollenspiel angestrebt.
 

Systemische Orientierungs­fragen können ­dabei helfen, eine neue Sicht auf das ­Verhalten von ­aggressiven Kindern zu ­bekommen:

  • Wann genau zeigt das Kind das beschriebene Verhalten: Meist morgens, vor dem Essen oder beispielsweise kurz bevor er abgeholt wird?
  • Wie häufig zeigt das Kind das Verhalten? Jeden Tag mehrfach oder einmal pro Woche?
  • Wie lange und wie intensiv zeigtsich das Verhalten?
  • In welchem Zusammenhang wird das Kind aggressiv? Kommt es wie aus heiterem Himmel oder wirkt es geplant?
  • Entwickelt sich das Verhalten aus einem gemeinsamen Spiel? Ergibt es sich zufällig?
  • Bei welchen Personen zeigt das Kind dieses Verhalten? Bei jüngeren, älteren oder bei demselben Kind?
  • Wie sind die Reaktionen der Umwelt: Reagieren die betroffenen Kinder mit Schreien und Weinen? Erntet das Kind Protest? Schreitet die Erzieherin prompt ein und wird das Kind auf ihm vertraute Weise dafür gerügt oder bestraft? 
  • Wie sind die Reaktionen des Kindes? Sucht es, nachdem es Spielzeug wegnimmt, den Blickkontakt zu den anderen Kindern oder zur Erzieherin? Schaut es beispielsweise auf den Boden oder läuft es weg?
  • Wie sind die eigenen Emotionen: Wut, Ärger, Enttäuschung oder Trauer?

Foto: Anna Nahabed / shutterstock

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